Social Media-Expertenrunde: Richard Joerges im Gespräch
geschrieben am 6. Mai 2010 von Pia Kleine Wieskamp
In dieser Interviewreihe “Social Media-Expertenrunde” spreche ich mit Social Media-Praktikern sowie -Influencern über ihre Erfahrungen, Praxistipps, Meinungen und Visionen. Nach Meike Leopold, Thomas Pfeiffer, Leander Wattig, Michaela von Aichberger, Heiko Ditges , Jochen Mai , Holger Schmidt und Oliver Berger wird die Social Media-Expertenrunde mit Richard Joerges fortgesetzt:
Richard Joerges ist “Blogger, Sprecher, Unternehmensberater zu den Themen Social Media, PR 2.0, Corporate Blogs, Marketing 2.0.
Ausserdem bin ich Autor zu verschiedenen Themen rund um Web 2.0, Apple/Mac/OSX und IT allgemein.”
Richard Joerges findet man im Web:
Twitter: http://twitter.com/rjoerges
Facebook: http://facebook.com/rjoerges
Becker. Joerges. agile communication.: http://beckerjoerges.com
Mediencamp webcific: http://webcific.com
Interview
AW: Richard, man bezeichnet Sie als Social-Media-Experten – würden Sie sich selbst auch so bezeichnen?
RJ: Ich bezeichne mich als PR und Kommunikations-Fachmann mit journalistischem Background und einem Schwerpunkt auf Social Media. Letztendlich ist es für mich egal, ob es um Print, Online, Bewegtbild oder eben Social Media geht. Will man da oder dort erfolgreich kommunizieren, braucht man journalistische Kompetenz, eine Strategie und eine Botschaft. Aber keine Frage: In Hinsicht auf Social Media muss man natürlich auch die ganzen Tools und deren Wirkungsweise kennen. Insofern bin ich auch Social Media Experte.
AW: Sie haben erst eine Agentur gegründet. Wer sind Ihre Kunden, wen sprechen Sie an und was raten Sie Ihren Kunden in Bezug auf Social Media Aktivitäten?
RJ: Ja, zusammen mit meinem Kollegen Ingo Becker, habe ich zum Jahresanfang „Becker. Joerges. agile communication.“ gegründet. Ingo war zuvor mein Gegenpart auf Kundenseite (Deutsche Telekom Products & Innovation). Wir haben schnell gemerkt, dass Kommunikation und Marketing im Social Web nur dann funktionieren, wenn auch das grundlegende Know-how stimmt. Sprich PR- und Kommunikationskompetenz auf der einen und Redaktions- und Inhaltekompetenz auf der anderen Seite. Denn auch im Social Web muss man glaubwürdig die richtigen Botschaften mit den richtigen Mitteln an die richtigen Rezipienten senden können. Hier ergänzen wir uns optimal.
Sehr erfreulich ist, dass uns Kunden (zumeist PR-Abteilungen in Unternehmen und PR-Agenturen) nicht nur für Kommunikationsaufträge buchen, sondern für ein allumfassendes Change-Management im PR- und Kommunikationsbereich. Das heißt, wir analysieren Strukturen, entwickeln zusammen mit dem Kunden die Kommunikationsstrategie, helfen bei der Reorganisation bis hinunter auf die Personalebene und sorgen für die Fortbildung. Das hat sehr viel mit Enterprise 2.0 zu tun, aber auch mit viel Fingerspitzengefühl. Denn gestandene PR-Leute erkennen plötzlich, dass sich ihr Berufsbild radikal geändert hat. Statt Botschaften an Medien zu versenden, haben sie es plötzlich mit direkter Kunden-Kommunikation im Social-Web zu tun. Ausserdem verschwimmen dort die Grenzen zwischen PR und Werbung.
Wenn wir unseren Job gut gemacht haben, dann führt unser Engagement bei den Kunden zu einem Werte-, Struktur- und Kulturwandel, der sich in einer besseren und vielschichtigeren Wahrnehmung des Unternehmens bzw. einer Marke zeigt.
Klingt hochtrabend, ist aber aufgrund von Social Media – dem sich ja kein Unternehmen entziehen kann – notwendig. Entstammten die Botschaften früher nur aus den PR-Abteilungen und den Medien, kommen sie heutzutage auch von den Kunden. In Form von Tweets, Facebook-Statusupdates, Fotos auf Flickr, Youtube-Videos oder Blog-Postings. Statt nur Botschaften zu senden, müssen die Unternehmen heute aktiv (und öffentlich) mit Kunden und Kritikern in einen Dialog treten. Für manches Unternehmen schon aus Gründen des Selbstverständnisses und der hierarchischen Organisation kein leichtes Unterfangen.
AW: Und wie lautet Ihr Motto?
RJ: Da halte ich es mit Watzlawick: Man kann nicht nicht kommunizieren!
AW: Viele Leute haben ein Aha-Erlebnis im Social Web – gab es das bei Ihnen auch?
RJ: Oh ja, das gab es. Es hat mich von Anfang an fasziniert. Ich kann mich sehr genau an das tolle Gefühl erinnern, als ich mein erstes Blog selbst eingerichtet hatte, die ersten Kommentare eintrudelten und sich eine Konversation mit wildfremden Menschen entwickelt hat. Immer wieder gut für ein Aha-Erlebnis: Man ist in einer fremden Stadt und weiß nicht, wo man gut essen kann. Einfach die entsprechende Frage auf Twitter stellen und binnen Minuten hat man zig Vorschläge auf dem Handy-Display.
AW: Was verstehen Sie unter dem Oberbegriff „Social Media“?
RJ: Da bin ich ziemlich bodenständig. Umschreibungen wie Erlebnis-Raum im Web, Mitmach-Web oder was weiß ich, was da noch für Begriffe kursieren, mag ich nicht besonders. Unter Social Media verstehe ich ganz einfach Online-Dienste, bei denen die Inhalte – Texte, Fotos, Videos, Links etc. – von den Nutzern beigesteuert werden und bei denen sich die Nutzer gegebenenfalls untereinander vernetzen können. Der Clou ist dabei natürlich, dass die verschiedenen Dienste ebenfalls vernetzt werden können.
AW: Richard, was ist Ihr Ziel beim Einsatz von Social Media und wie hat es Ihr Leben und Ihren Job beeinflusst?
RJ: Als ursprünglich angestellter Redakteur hat es mein Leben natürlich massiv verändert. Ganz krass gesagt: Der Bedarf nach dem, womit ich bis vor fünf Jahren mein Geld verdient habe, ist praktisch nicht mehr da. Auf der anderen Seite haben mich die Innovationen im Web von den starren und teuren Verlagsstrukturen befreit. Wenn ich etwas publizieren will, dann kann ich das heute adhoc und praktisch kostenfrei tun und erreiche damit auch noch ein interessiertes Publikum.
AW: Was sind denn Ihre wichtigsten Erfolgsfaktoren im Social Web?
RJ: Interessante Inhalte, journalistisches Gespür, Spass an der Sache, Lust an offener Kommunikation und ja, Erfahrung und Empathie!
AW: Treffen Sie Ihre Social Media Kontakte auch im realen Leben?
RJ: Ja, selbstverständlich. Ganz ehrlich, ich habe noch nie so viele Leute persönlich gekannt, wie in Zeiten von Social Media. Schuld daran sind natürlich auch die vielen Barcamps und Konferenzen, auf denen sich die Branche trifft. Nach dem Motto: Hey, dir folge ich doch auf Twitter, jetzt lernen wir uns endlich auch real kennen.
AW: Richard, welche Tipps geben Sie Unternehmen im Umgang mit Social Media?
RJ: 1. Sie sind im Social Web noch nicht präsent? Schade, denn ihre Kunden sind auf jeden Fall dort. Das gilt auch im B2B-Bereich, denn auch Ihre Geschäftspartner führen ein Leben im Social Web als Privat-Personen.
2. Unternehmens-Engagement im Social Web ist zum Scheitern verurteilt, wenn die Mitarbeiter nicht selbst dort aktiv sind und ein Gespür dafür entwickelt haben, was geht und was nicht geht.
3. Für viele Unternehmen ist der schwierigste Part des Social Web: Die Mitarbeiter und Kunden werden zu Fürsprechern (oder eben nicht). Das erfordert ein radikales Umdenken in der Art der Kommunikation und im Vertrauen den eigenen Mitarbeitern gegenüber.
4. Machen Sie nicht den Fehler, Social Media nur als neuartiges Medium zu verstehen. Es ist viel mehr der Ausdruck eines neuen Konsumenten-Bewußtseins! (Märkte sind Konversationen, Cluetrain-Manifesto ).
5. Ein bisschen Social Media geht nicht. Entweder man nutzt das Medium oder lässt es gleich bleiben. Nichts ist imageschädigender als ein Twitter-Acount mit ein paar einsamen Followern, eine Facebookseite ohne Botschaften oder ein Blog mit Monate zurückliegenden Postings.
6. Klingt jetzt eigennützig, aber ich meine es ehrlich und aufrichtig: Holen Sie sich zumindest für die ersten strategischen Überlegungen einen Sparring-Partner von aussen, der sowohl eine tiefgreifende Ahnung von PR/Kommunikation hat, als auch aktives Mitglied der Social-Media-Crowd ist.
AW: Zukunftsmusik: Wohin entwickelt sich Ihrer Meinung nach das Internet?
RJ: Zum einen in Richtung Mobilität (siehe iPhone und iPad), zum anderen in Richtung semantisches Web. Ich glaube, dass Google und neuerdings Facebook mit der Open Graph API erst der Anfang sind. Was darüber hinaus kommen wird, kann niemand beim besten Willen abschätzen. Wer hätte schon vor 10 Jahren gedacht, dass es einmal den iTunes-Store geben wird? Wer hätte vor fünf Jahren Twitter vorhergesagt und wer hätte vor einem Jahr gedacht, dass Foursquare Brightkite den Rang ablaufen und über eine Million User haben wird? So oder so, es wird spannend bleiben.
AW: Danke für das Gespräch.
Am 6. Mai 2010 um 09:21 Uhr
[...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Addison-Wesley erwähnt. Addison-Wesley sagte: Social Media Expertrunde – heute Addison-Wesley mit Richard Joerges im Gespräch: http://blog.addison-wesley.de/archives/8962 [...]
Am 10. Mai 2010 um 15:07 Uhr
[...] dem Addison-Wesley-Blog finden Sie ein lesenswertes Interview über unsere Tätigkeit. Hier ein kleiner Ausschnitt mit Tipps zu Social Media für die [...]