Social Media-Expertenrunde: Oliver Berger im Gespräch
geschrieben am 22. April 2010 von Pia Kleine Wieskamp
In dieser Interviewreihe “Social Media-Expertenrunde” spreche ich mit Social Media-Praktikern sowie -Influencern über ihre Erfahrungen, Praxistipps, Meinungen und Visionen. Nach Meike Leopold, Thomas Pfeiffer, Leander Wattig, Michaela von Aichberger, Heiko Ditges , Jochen Mai und Holger Schmidt wird die Social Media-Expertenrunde mit Oliver Berger fortgesetzt:
Oliver Berger, auf dessen Visitenkarte die Tags Speaker, Evangelist und Metadata zu finden sind, ist sowohl als Gründer der 13. Stock Online Relations als auch als Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Social Media e.V. – ständig in Bewegung. Digital wie analog.
Vor einiger Zeit habe ich mein privates Blog http://www.oliverberger.de vorübergehend abgeschaltet – dabei ist es leider bis heute geblieben. Ich nehme dieses Interview nun zum Anlass, das Blog (ja, das Blog) innerhalb der nächsten zwei Wochen wieder zu beleben. Ansonsten gehen im April meine Microblogging-Aktivitäten auf Twitter ins vierte Jahr, dort bin ich unter http://twitter.com/OliverBerger zu finden.
Ganz aktuell liegt mir das WanderCamp 2010 am Herzen, eine Slow Media Initiative, die ich gemeinsam mit Mike Schnoor, Anne Grabs und unseren Mitarbeitern im 13. Stock gestartet habe. Mehr dazu findet sich unter http://www.facebook.com/wandercamp.
Die üblichen Profile existieren natürlich auch:
facebook: http://www.facebook.com/Oliver.Berger
XING: https://www.xing.com/profile/oliver_berger
Linkedin: http://www.linkedin.com/in/oliberger
AW: Oliver, man bezeichnet Sie als Social-Media-Experten – würden Sie sich selbst auch so bezeichnen?
OB: Zuerst muss ich gestehen, dass ich bei meinen Vorgängern gespickt und mir durchgelesen habe, was diese geantwortet haben. Für mich ist das mit Experten so ähnlich wie mit Eliten. Sind diese selbsternannt, so sind sie oft viel weniger wert, als wenn diese Bezeichnung von Dritten aufgegriffen und verwendet wird. So möchte ich es auch mit dem Begriff Social-Media-Experte halten. Natürlich verfüge ich über Expertenwissen in manchen Bereichen der Social Media, allerdings sind diese einem steten Wandel unterworfen und auch die Konvergenz der Medien tut ihr übriges dazu, dass es aus meiner Sicht nie wirkliche Experten für den gesamten Bereich geben wird. Jeder hat seine Teilbereiche, in denen er/sie besonders gut ist und greift für die Bereiche, in denen die Kenntnisse einen niedrigeren Wissenstand haben, auf das eigene dichte Netzwerk an anderen Beratern zurück.
AW: Und wie lautet Ihr Motto?
OB: Hätte ich diese Frage vor einem halben Jahr beantworten sollen, hätte ich wohl noch ein Motto genannt. Die Erfahrungen der letzten sechs Monate jedoch haben in mir einen ziemlichen Wandel ausgelöst, der nun langsam überall spürbar wird. Als Social-Media-Berater ein immer gültiges Motto, ein Credo vielleicht, zu besitzen, ist allein durch den schon angesprochenen Wandel und die Konvergenz der Medien schwierig für mich. Ich habe bestimmte Werte wie Aufrichtigkeit, Authentizität und vielleicht eine unkonventionelle Herangehensweise, die ich wohl auch auf lange Sicht nicht ablegen werde. Näher komme ich einem Motto allerdings nicht.
AW: Viele Leute haben ein Aha-Erlebnis im Social Web – gab es das bei Ihnen auch?
OB: Ja, dieses Erlebnis gab es bei mir auch. Das muss 2003 oder 2004 gewesen sein, als ich in Berlin gemeinsam mit Heiko Hebig (damals noch sixapart) eine “Bloggerkonferenz” besuchte und dort neben Charlie Schick auch Loic LeMeur und ca. 25 andere Blogger getroffen habe, die in mir die Begeisterung für die anstehenden Entwicklungen im Social Web in den kommenden Jahren entfachten.
AW: Was verstehen Sie unter dem Oberbegriff „Social Media“?
OB: Um diese Frage zu beantworten, müsste ich zunächst ein paar andere stellen.
Social Media ist eine Entwicklung: Im Gegensatz zum Radio oder zum Fernseher ist Social Media keine Erfindung, sondern eine Konsequenz aus der technischen Heranreifung und der damit einhergehenden immer besseren Verfügbarkeit des Internets. Das Internet versetzt erstmal in der Geschichte der Menschheit theoretisch jeden Menschen in die Lage mit einer beliebigen Anzahl anderer Menschen in Echtzeit zu kommunizieren. Diese Möglichkeit wird mehr und mehr genutzt. Dabei kann jeder zugleich Sender und Empfänger sein. Das ist zugleich aufregend, faszinierend und nicht mehr zu kontrollieren.
Social Media als Spiegelbild der (digitalen und medienkompetenten) Gesellschaft: Die zunehmende Fragmentierung und Individualierung der Gesellschaft bildet sich auch in den Portalen, Communities etc. ab, sprich in den Medien, über die Kommunikation von Interessensgemeinschaften stattfindet. Für praktisch jedes Interessengebiet gibt es im Internet ein Angebot. Man ist nicht mehr auf Vereine in der Nähe oder auf den Zufall angewiesen, um Gleichgesinnte zu finden, man kann sie im Netz direkt aufsuchen.
Social Media ist also ein Sammelbegriff, der alle Spielarten der Kommunikation zwischen Menschen und Unternehmen beschreiben kann. Oft höre ich, Social Media ist nur ein Teil im Marketingmix, und dort auch nur ein unwesentlicher (im Augenblick hauptsächlich der schlechten Messbarkeit geschuldet) – dieses aber wird sich bestimmt bald verändern und den Social Media wird mehr und mehr Bedeutung zukommen.
AW: Oliver, was ist Ihr Ziel beim Einsatz von Social Media und wie hat es Ihr Leben und Ihren Job beeinflusst?
OB: Begeisterung in den Menschen zu entfachen, damit sie die zu vermittelnde Botschaft als die eigene annehmen und an ihre Peers weitergeben. Hier müsste jetzt eigentlich *lacht* stehen … aber im Ernst. Ich sehe in den Social Media großes Potential, Menschen mit einer Botschaft zu berühren und in ihnen echte Begeisterung auszulösen. Das beeinflusst mich natürlich auch im Leben abseits des Jobs, wobei ich zunehmend Schwierigkeiten habe, hier eine klare Grenze zu ziehen. Mit zunehmender Vernetzung, Aktivität auf Online-Plattformen und Konferenzen und Networking müsste ich die Segmentierung meiner “Freunde” eigentlich immer feiner definieren. Da dies oft zu kurz kommt (und vielleicht auch gar nicht immer notwendig ist) verschwimmt die Grenze zwischen Job und Privatleben und damit ist es nur logische Konsequenz, dass die Social Media auch einen großen Einfluss auf beide Bereiche haben.
AW: Was sind denn Ihre wichtigsten Erfolgsfaktoren im Social Web?
OB: Über den nachhaltigen Erfolg der Social Media wird deren Messbarkeit (mit)entscheiden. In der Arbeitsgemeinschaft Social Media e.V. (AGSM) arbeiten wir seit Gründung daran, die Messbarkeit zu verbessern und führen u.a. durch die Social Media Measurement Summits einen offenen Diskurs mit dem Ziel, eine allgemein gültige Währung zu etablieren.
AW: Treffen Sie Ihre Social Media Kontakte auch im realen Leben?
OB: Selbstverständlich. Es ist für mich auch nicht anders vorstellbar. Online kann nicht funktionieren, wenn es kein offline mehr gibt. Für mich ist der persönliche Kontakt zu meinen Peers sehr wichtig und ich versuche durch den Besuch von Konferenzen, Events und auch privaten Treffen mit Freunden und Kollegen diesem “offline” gerecht zu werden und ihnen Wertschätzung entgegenzubringen.
In diesem Zusammenhang wichtig ist mir auch die noch relativ neue Slow Media Bewegung, aus der heraus wir in diesem Jahr (ca. Ende Mai, Anfang Juni) das erste WanderCamp in Deutschland veranstalten wollen.
Eine prima Gelegenheit, um sich mal face to face mit seinen Online-Freunden auszutauschen. Mehr Infos dazu unter http://www.facebook.com/wandercamp.
AW: Oliver, welche Tipps geben Sie Unternehmen im Umgang mit Social Media?
OB: Listen, listen, listen – um es mal neudeutsch zu sagen. Hören Sie Ihren Kunden, Markenfreunden und vor allem Ihren Kritikern sorgfältig zu. Versuchen Sie zu verstehen, was diese erreichen wollen und suchen Sie dann aktiv den Dialog. Öffentlich und aufrichtig. Überlegen Sie auch genau, ob sie wirklich die Hilfe einer Agentur oder eines Dienstleisters benötigen. Mitarbeiter mit guten Fähigkeiten im Storytelling, die einen ehrlichen Dialog zu führen in der Lage sind und die dem Unternehmen ein Gesicht nach außen hin geben, sind oft mehr als ausreichend.
AW: Zukunftsmusik: Wohin entwickelt sich Ihrer Meinung nach das Internet?
OB: Die Zukunft ist für mich ganz klar mobil. Endgeräte, die uns den Zugriff auf unser Netzwerk, unsere Peers, erlauben, werden immer kleiner und leistungsfähiger. Der Zugang und die Möglichkeit, sich mit Dritten auszutauschen und auf allen Ebenen und Plattformen miteinander ins Gespräch zu kommen, wird in Zukunft auch unterwegs vollkommen zu befriedigen sein. Großartige Zukunftsstudien dazu finden sich bei YouTube (u.a. von Microsoft).
AW: Danke für das Gespräch.
OB: Ich danke für die großartige Möglichkeit, mich zu den Fragen äußern zu dürfen und mich in eine Reihe von Menschen eingliedern zu dürfen, die zum Teil nicht nur großartige Kollegen, sondern auch Freunde sind.
Am 14. Mai 2010 um 09:46 Uhr
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