Social Media-Expertenrunde: Jochen Mai @karierrebibel
geschrieben am 6. April 2010 von Pia Kleine Wieskamp
In dieser Interviewreihe “Social Media-Expertenrunde” spreche ich mit Social Media-Praktikern sowie -Influencern über ihre Erfahrungen, Praxistipps, Meinungen und Visionen. Nach Meike Leopold, Thomas Pfeiffer, Leander Wattig und Michaela von Aichberger und Heiko Ditges wird die Social Media-Expertenrunde mit Jochen Mai fortgesetzt:
Volkswirt, Journalist, Leiter des Ressorts „Management & Erfolg“ bei der WirtschaftsWoche, Autor der Bestsellers „Die Karriere-Bibel“ und „Die Büro-Alltags-Bibel“, Blogger und bekennender iPhone-Junkie – lebt in der Nähe von Köln und betreibt mit Karrierebibel.de eines der erfolgreichsten Karriereblogs im deutschsprachigen Raum. Er wurde 2009 mit dem Lead Award ausgezeichnet.
Weitere Informationen bzw. Social Web-Aktivitäten zu Jochen Mai:
Blog: http://karrierebibel.de/
Twitter: http://twitter.com/karrierebibel
Facebook: http://www.facebook.com/karrierebibel
Xing: https://www.xing.com/profile/Jochen_Mai
Youtube-Kanal: http://www.youtube.com/user/Karrierebibel
AW: Jochen, man bezeichnet Sie als Social-Media-Experten – würden Sie sich selbst auch so bezeichnen?
Mai: Nerd wäre wohl passender. Ich nutze diese Medien in allen Formen, probiere ständig Neues aus – vor allem weil es mich fasziniert und ich dabei viel lerne. Am Ende schreibe ich darüber oder halte Vorträge dazu, was wie funktioniert oder sich für wen lohnt. Solche Leute nennt man dann Experten. Das gilt aber auch schon für Einäugige, die Blinden erklären können, was der Unterschied zwischen Blau und Rot ist.
AW: Viele Leute haben ein Aha-Erlebnis im Social Web – gab es das bei Ihnen auch?
Mai: Unzählige. Eines des schönsten hatte ich kürzlich auf Twitter. Meine Seite war kurzfristig abgestürzt, ein Serverproblem, ich musste mit der Karrierebibel umziehen und suchte jemanden, der mir dabei hilft und gleich ein paar Dinge dabei optimiert. Kaum zehn Minuten nachdem ich das getwittert hatte, meldeten sich über zehn Leser bei mir und boten allerlei Hilfe an. Das war total rührend, wie sich die Leser um mein Blog sorgten und kümmerten. So was ermutigt ungemein.
AW: Was verstehen Sie unter dem Oberbegriff „Social Media“?
Mai: Soziale Medien sind für mich alle Online-Angebote, die den Austausch von Informationen, Meinungen und Erfahrungen mit anderen Internet-Nutzern ermöglichen und so eine Art Gemeinschaft fördern. Das Ziel kann dabei ganz unterschiedlich sein: Plattformen wie Xing oder Facebook stellen den Netzwerkgedanken in den Vordergrund, bei Twitter ist es die kurzweilige Information, in Blogs sind es häufig eher Meinungen und Analysen.
AW: Was ist Ihr Ziel beim Einsatz von Social Media und wie hat es Ihr Leben und Ihren Job beeinflusst?
Mai: Ich bin Journalist und Autor – also hauptberuflich Medienschaffender. Folglich gehört es für mich dazu, auf diesen Medienplattformen präsent zu sein, zu begreifen was dort geschieht, wie es unser Leben, unsere Gesellschaft verändert und darüber zu berichten oder es auch für mich zu nutzen. Soziale Medien begleiten mich heute rund um die Uhr im Alltag – im Beruf, im Privatleben. Die Anwendungen variieren allerdings. Mein berufliches Netzwerk hat sich seitdem enorm erweitert, das private ebenfalls. Es gibt kaum noch eine Stadt in Deutschland und wenige große Metropolen im Ausland, in denen ich mich nicht spontan über das Internet mit einem entfernten Bekannten verabreden und ihn auch treffen könnte. Im Beruf konnte ich mir sicher eine gewisse Reputation aufbauen (was diese Interview-Anfrage beweist), was ich allerdings nicht überbewerte. Internet-Ruhm ist flüchtig und reale Kontakte ziehe ich virtuellen immer noch vor.
AW: Treffen Sie Ihre Social Media Kontakte auch im realen Leben?
Mai: Aber ja – und sogar sehr gerne. Oftmals entstehen dabei Bekanntschaften, die ebenso amüsant wie nützlich sind. Es macht mir Spaß auf Fremde zuzugehen und neue Menschen kennenzulernen. Es fordert einen geistig und emotional heraus und man wächst enorm daran. Und in einigen Fällen sind daraus sogar schon dauerhafte Freundschaften entstanden.
AW: Welche Tipps geben Sie Unternehmen im Umgang mit Social Media?
Mai: Zunächst einmal sollte man nicht irgendwelchen Hypes hinterher jagen, wenn man sie noch gar nicht verstanden hat. Wer sich in diese neue Welt wagt, muss bereit sein, sich zu öffnen, transparenter zu werden und Kontrolle abzugeben. Das Zweite ist: soziale Medien sind Kommunikation pur, also keine kommunikative Einbahnstraße. Wer nur senden und Werbebotschaften absetzen will, wird scheitern. Entsprechend unterschätzen viele auch die Zeit und den Aufwand, den man betreiben muss, um dort wirklich präsent zu sein und den Leuten zuzuhören, ihre Fragen zu beantworten oder mit ihnen zu diskutieren. Das Dritte klingt leider abgedroschen: authentisch sein. Man kann im Netz nicht vorgeben ein anderer zu sein, als man ist. Unternehmen, die versuchen ihr Image zu schönen, cooler und offener zu wirken, als sie sind, zerkratzen nur den Lack, den sie eigentlich polieren wollen. Viel ehrlicher und wirksamer ist, die treuen Kunden und Fans in einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess mit einzubeziehen. Darin liegt letztlich auch eine der großen Chancen des Internets: in der modernen Kollaboration bei gleichzeitiger Kostenreduzierung. Denn die meisten Menschen helfen dort gerne und gratis.
AW: Zukunftsmusik: Wohin entwickelt sich Ihrer Meinung nach das Internet?
Mai: Ins reale Leben. Die gefühlte Trennung zwischen hier virtuell und da real wird es irgendwann nicht mehr geben. Das ist wie beim Handy: Vor rund einer Dekade galten die Leute noch als Angeber, wenn Sie auf offener Straße ihre riesigen Bauklötze am Ohr spazieren führten. Heute fragen wir uns: Wofür gibt es eigentlich noch keine App?
AW: Danke für das Interview.

Am 6. April 2010 um 13:24 Uhr
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