Die Geburtsstunde von Photoshop & die Knoll-Brüder

geschrieben am 17. Februar 2010 von unserem Experten Stefan Obermüller

Am 19. Februar ist es soweit: Adobes Photoshop wird 20!

Ein Rüchblick: Die erste funktionstüchtige Digitalkamera wurde zwar bereits in den siebziger Jahren vorgestellt, aber nur die wenigsten wissen, dass es sich dabei um ein Modell von Kodak handelte. Die Entwicklung der Digitalkameras wurde erst zur Jahrtausendwende endgültig zur Erfolgsgeschichte, als erstmals mehr digitale als analoge Modelle verkauft wurden. Während es auf Seiten der Hardware jedoch keinen bestimmten Hersteller und kein einzelnes Modell gibt, welches mit dem Begriff Digitalkamera verbunden wird, sieht dies für den Bereich Software ganz anders aus. Photoshop wurde bereits früh zum Synonym für digitale Bildbearbeitung und hat diese Position kontinuierlich gefestigt.

Und so ist der diesjährige Geburtstag von Adobe Photoshop gleichzeitig ein wichtiger Indikator: Der Markt für digitale Fotografie ist erwachsen geworden – und der Klassiker unter den Bildbearbeitungsprogrammen feiert in diesem Jahr seinen mittlerweile 20. Geburtstag. Anlass genug, einmal einen Blick auf die ganz frühen Tage der Software zu werfen.

Von Kindesbeinen an mit der Fotografie verbunden
Dreht man das Rad der Zeit zurück, landet man in den USA der siebziger Jahre. College-Professor Glen Knoll hatte sich im Keller seines Hauses in Ann Arbor, Michigan ein kleines Fotolabor mit einer Dunkelkammer eingerichtet. In diesem führte er seinen Sohn Thomas bereits früh an die Fotografie heran. „Bereits während der High School war Fotografie eines meiner Hobbies“, berichtet Thomas Knoll. An der Seite seines Vaters erlernte er in der Dunkelkammer das Entwickeln von Schwarzweiß- und Farbfotos sowie das Justieren von Kontrast und Farben.

Doktorand auf Abwegen
Nach der High School und dem erfolgreichen Abschluss seines Bachelor-Studiums an der University of Michigan entschied sich Thomas Knoll dazu, an der Hochschule zu bleiben und einen Doktortitel in „Computer Vision“, einem Teilbereich des Fachs „Computerinformation und Steuerungstechnik“, zu erwerben. Für seine Studien kaufte er sich Ende 1987 auch einen Apple Macintosh Plus. Auf der Suche nach ein wenig Ablenkung von seiner Doktorarbeit versuchte sich Thomas Knoll am Schreiben eines Programmiercodes. Konkret wollte er eine Möglichkeit schaffen, Graustufenbilder auf einem Schwarzweiß-Bitmap-Bildschirm anzuzeigen – etwas, was der Macintosh Plus nicht beherrschte. Das von ihm geschriebene Programm nannte Knoll Display – und ahnte damals sicherlich nicht, dass dies der Ausgangspunkt für ein Produkt namens Photoshop werden sollte….

Aus Schwarzweiß wird Farbe
Thomas Knoll hatte die Rechnung allerdings ohne seinen Bruder gemacht. John Knoll lebte zu dieser Zeit in Kalifornien und arbeitete bei Industrial Light and Magic (ILM), dem Visual Effects-Zweig der Star Wars-Schmiede Lucasfilm. Er beschäftigte sich deshalb bereits Ende der achtziger Jahre mit dem Erzeugen von computerbasierten Special Effects. In diesem Zusammenhang bat er seinen Bruder Thomas darum, ihm dabei zu helfen, seinen Computer so zu programmieren, dass dieser digitale Bilder verarbeiten könne. Der bereits vorhandene Programmiercode bildete hierfür eine guten Basis. Als nächsten Schritt organisierte John Knoll den Kauf eines neuen Macintosh II-Computers, dem ersten farbfähigen Modell. Bevor dieser Rechner die Reise von Michigan nach Kalifornien antrat, überarbeitete Thomas Knoll zunächst den Code für Display, so dass das Programm auch in Farbe funktionierte.

Thomas Knoll  

 

John Knoll
 

Softwareentwicklung im heimischen Wohnzimmer
In den Folgemonaten arbeiteten die Brüder gemeinsam daran, das Leistungsvermögen des Programms zu erweitern. Auf Drängen seines Bruders fügte Thomas Knoll beispielsweise die Möglichkeit hinzu, verschiedene Dateiformate lesen und schreiben zu können. John entwickelte parallel Bildverarbeitungsroutinen, aus denen später Filter-Plug-ins werden sollten. Thomas schuf zudem eine Funktion, die das Festlegen weicher Kanten für Auswahlen ermöglichte und ergänzte Pegel für Tonwertanpassungen, Farbbalance, Farbton und Sättigung. Thomas’ Ehefrau Ruth beschreibt die Entwicklung der Software gerne wie folgt: „Photoshop wurde von meinem Ehemann in unserem Wohnzimmer entwickelt und geschrieben. Unsere Katze war dabei stets an seiner Seite und beobachtete neugierig sein Treiben.“ Die 3-Zimmer-Wohnung, in der Ruth und Thomas Knoll damals lebten, lag im dritten Stock eines Hauses ohne Fahrstuhl. Eine der Badewannen nutzte Thomas für einen Aufbewahrungsschrank, Computer und weiteres Werkzeug hatte er im zweiten Schlafzimmer untergebracht. Die Fenster dieses Zimmers hatte er zudem mit Plastikfolie verkleidet, um seine Gerätschaften vor Kälte zu schützen. Aufgrund dieser Platzverhältnisse musste das Gitterbett für den Nachwuchs in das Schlafzimmer des jungen Paars weichen.

Im Sommer 1988 waren die Brüder mit der Entwicklung des Programms an einem Punkt angelangt, an dem dieses aus Sicht von John Knoll die Basis für ein kommerzielles Produkt darstellte. Sein Bruder Thomas war diesbezüglich eher zögerlich. Er konfrontierte John daher mit der Frage, ob er denn eine Vorstellung davon habe, wie viel Arbeit es sei, eine kommerzielle Anwendung zu schreiben. Doch John konnte ihn, nicht zuletzt aufgrund seines ihm eigenen Optimismus, davon überzeugen, dass es einen Versuch wert sei. „Ich werde herausfinden, wie wir damit Geld machen können“, erklärte er seinem Bruder. Rückblickend muss man sagen, dass John mit dieser Aussage Recht hatte. Thomas allerdings auch. Denn: Es war tatsächlich sehr viel Arbeit.

Präsentationen ohne Ergebnis
Während sich Thomas also weiter der Entwicklung des Programms widmete, begab sich John auf die Suche nach Interessenten für das Produkt. Er kontaktierte eine Vielzahl von Unternehmen, darunter auch Quark und Aldus, die beide Konkurrenzprodukte hatten oder dabei waren, diese vorzubereiten. Bei SuperMac, einem weiteren Kandidaten, bei dem John Knoll vorsprach, machten finanzielle Schwierigkeiten sowie das bereits vorhandene SuperMac-Bildbearbeitungsprodukt PixelPaint ein Abkommen unmöglich. Dennoch entstand über SuperMac der Kontakt zu David Biedny. Dieser war damals als Berater für SuperMac tätig und unterstützte das Unternehmen vor allem beim Erwerb neuer Produkte. So gelangte er auch in den Besitz einer 3,5 Zoll-Diskette, verbunden mit der Bitte um Überprüfung der darauf befindlichen Anwendung. Biedny installierte das auf der Diskette befindliche Programm, eine Vorversion von Photoshop, an einem Freitagnachmittag auf seinem Computer und probierte die Software direkt aus. Erst acht oder neun Stunden später, es war bereits Samstagmorgen und die Sonne ging auf, verließ er wieder den Computer – überzeugt davon, dass er gerade ein Produkt mit großem Zukunftspotenzial gesehen hatte. Rückblickend nennt Biedny die Fähigkeit zur Umwandlung von 24-Bit-Bildern und 8-Bit-Bildern sowie die Bildberechnungsmöglichkeiten dieser Vorversion als entscheidende Aspekte für seine damalige Einschätzung. Nachdem er bei SuperMac niemanden von den Vorzügen des Programms überzeugen konnte, setzte sich Biedny direkt mit John Knoll in Verbindung.

Eine wertvolle Empfehlung
John Knoll und David Biedny tauschten sich in der Folgezeit nicht nur über die technischen Features der Software aus. Vielmehr erfuhr Biedny von Knoll auch, dass kein Unternehmen im Silicon Valley daran interessiert war, die Software zu erwerben und er von sämtlichen Firmen Absagen kassierte. David Biedny überlegte, welches Unternehmen noch infrage kommen könnte und hatte schließlich eine Idee: Adobe Systems. Aus seiner Zeit als technischer Redakteur beim MacUser Magazine Mitte der achtziger Jahre kannte er das Unternehmen mit Produkten wie PostScript und Illustrator bereits. Darüber hinaus hatte er als Redakteur des Magazins John Warnock und Chuck Geschke mehrmals persönlich getroffen und gesprochen. Aus seiner Sicht war Adobe ein durchaus geeigneter Kandidat für das Produkt der Knoll-Brüder. Er schlug John Knoll deshalb vor, Photoshop bei Adobe vorzustellen. John reagierte daraufhin zunächst etwas zögerlich, folgte aber schließlich doch dem Rat Biednys und wandte sich an Adobe Systems.

Parallel hierzu trieb er seinen Bruder Thomas dazu an, neue Features in das Programm aufzunehmen. So entstand auch eine Vielzahl der in Photoshop enthaltenen Filter, wobei sich John hier auch von bereits existierenden Anwendungen inspirieren ließ. Nachdem er beispielsweise in PixelPaint eine Reihe von verborgenen Filtern entdeckt hatte, schuf er gemeinsam mit seinem Bruder Filter, die Photoshop-Nutzern heute unter den Namen „Strudel“, „Verkrümmung“ und „Kräuseln“ bekannt sind. Generell legte John Knoll für Filter fest, dass deren Namen stets einen Prozess beschreiben und demzufolge Verben sein mussten.

Per Musik zum Filternamen
Wie schwierig es mitunter war, einen passenden Namen für einen Filter zu finden, zeigt das Beispiel des „Kristallisieren“-Filters. Nachdem Thomas und John Knoll diesen Filter entwickelt hatten, fiel ihnen kein passender Name ein. John gab den Filter deshalb an David Biedny weiter, der diesen direkt ausprobierte. Während er dies tat, lief in seiner Wohnung Musik, konkret das Album „Brain Salad Surgery“ der britischen Rockband Emerson, Lake and Palmer. Beim Hören der Ballade „Still you turn me on“ stolperte er über eine Liedzeile, in der es hieß: „By the dark glass on your eyes though your flesh has crystallized“. David Biedny griff darauhin zum Telefonhörer, rief John Knoll an und schlug ihm spontan vor, den Filter „Crystallize“ zu nennen. Gesagt, getan – der Filter erhielt die Bezeichnung „Crystallize“ (zu deutsch: Kristallisieren) und ist bis heute unter diesem Namen unter den Vergröberungsfiltern in Photoshop zu finden.

Geschäft per Handschlag
Im September 1988 präsentierte John Knoll die Software schließlich im kalifornischen San José bei Adobe. Neben Fred Mitchell, damals Director of Business Development und Strategic Planning bei Adobe Systems, nahmen unter anderem auch Russell Brown, damals Art Director bei Adobe, und Firmengründer John Warnock an diesem Termin teil. Letzterer musste das Meeting aus zeitlichen Gründen bereits nach einer Viertelstunde verlassen. David Pratt, der damalige Leiter der Applications Division bei Adobe, fing Warnock an der Tür ab und fragte ihn nach seiner Einschätzung. Warnock erwiderte diese Frage mit einem kurzen „Ich denke, wir sollten es nehmen“. Russell Brown, der kurz zuvor eine Geheimhaltungsvereinbarung mit Letraset getroffen hatte, um sich deren neues Bildbearbeitungsprogramm ColorStudio anzusehen, reagierte weitaus weniger zurückhaltend. Er war spontan davon überzeugt, dass Photoshop besser als ColorStudio sein würde. Russell rannte deshalb in John Warnocks Büro und teilte ihm mit: „John, wir sollten es kaufen“, woraufhin Warnock entgegnete „Das werden wir“. Per Handschlag erfolgte im Herbst 1988 der Abschluss dieses Geschäfts, ein schriftlicher Vertrag wurde im Frühjahr 1989 geschlossen.

Adobe kaufte den Knoll-Brüdern die Software jedoch nicht ab, sondern wurde lediglich Lizenznehmer des Programms. Diese Vereinbarung beinhaltete auch eine Regelung bezüglich der Lizenzgebühren, die Thomas und John Knoll erhalten sollten. Für die ersten beiden Jahre war hierfür ein Betrag von nicht weniger als 250.000 US-Dollar vorgesehen.

 

Betrachtet man Photoshops phänomenalen Erfolg, erscheint dieser Betrag gering, Ende der achtziger Jahre stellte dies jedoch auch für ein Unternehmen wie Adobe, einen stolzen Betrag dar. Die Lizenzvereinbarung mit den Knoll-Brüdern endete übrigens erst 1995, als Adobe ihnen das Programm für rund 34,5 Millionen US-Dollar abkaufte.

 

 

  Erfolgreicher Start

Im Februar 1990 veröffentlichte Adobe schließlich Photoshop 1.0 als reines Macintosh-Produkt. Das Programm entwickelte sich von Beginn an zu einem Erfolg. Aufgrund seiner durchdachten Programmierung und der einfach zu handhabenden Benutzeroberfläche übertraf Photoshop direkt die Konkurrenz, darunter das Letraset-Produkt ColorStudio. Darüber hinaus war das Adobe-Bildbearbeitungsprogramm zur richtigen Zeit am richtigen Ort: Die Einführung des Desktop Publishing war gerade in vollem Gange, so dass Photoshop auch vom Wachstum in diesem Bereich profitieren konnte.

Foto & Bildrechte bei Jeff Schewe Photography

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