So fotografieren Sie Menschen im richtigen Licht!
geschrieben am 4. November 2009 von Pia Kleine Wieskamp
Aktuell erschienen ist das Buch Im richtigen Licht: Menschen - Porträt, Fashion, Glamour.
Menschen sind das wohl beliebteste Fotomotiv — Jahr für Jahr entstehen zahllose Bilder mit einzelnen Personen, Paaren oder Gruppen. Die gute Nachricht für professionelle und ambitionierte Fotografen ist, dass der Markt für Personenaufnahmen enorm groß ist und stetig wächst — sehen Sie sich nur den Zeitschriftenmarkt, die Werbung und die vielen PR-Veröffentlichungen an. Personenaufnahmen sind in diesen Bereichen bis auf wenige Ausnahmen unverzichtbar. Die Werbung zeigt beispielsweise häufig Personen, die das Käuferinteresse auf das Produkt lenken sollen. Selbst Reisefotos zeigen Menschen, die ihre Begeisterung über ein Reiseziel dem interessierten Betrachter vermitteln sollen.
Menschen können unterschiedlich fotografiert werden, als direktes „Porträt“ mit Charakter oder für Bereiche wie Fashion, bei denen eher die Kleidung im Vordergrund steht. Glamour-Fotos sollen dagegen sexy und erotisch sein.
Dieser Bildband zeigt eine Sammlung von begeisternden und innovativen Porträt-Arbeiten von Fotografen auf der ganzen Welt wie z.B. Michael Freeman, Frank Drake, Frank Wartenberg, Stu Williamson und vielen mehr. Das Buch ist eine Inspirationsquelle, voller ganzseitiger Bilder jeweils begleitet von Informationen zur technischen Fotoausrüstung, dreidimensionalen Grafiken zum Beleuchtungsaufbau sowie Hinweisen zur Vorgehensweise der Fotografen.Das Buch geht auf die Porträt-, Mode- und Glamour-Fotografie ein und bietet damit viele Informationen und Anregungen für ambitionierte Amateur- und Profifotografen.
Vorgehensweisen: Neben fotografischen Herangehensweisen und Stilrichtungen sind auch die zwischenmenschlichen Beziehungen wichtig. Ein Fotograf muss eine Atmosphäre schaffen, in der sich das Modell wohl fühlt und mit ihm kooperiert — selbst wenn es eigentlich keine Lust auf Fotos verspürt und ganz andere Dinge im Kopf hat. Viele Leute sind vor der Kamera alles andere als entspannt. Die daraus resultierende Körpersprache sowie ein oft künstliches Lächeln ruinieren jedes Foto. Dagegen führt ein geschicktes Vorgehen des Fotografen zur Interaktion mit dem Modell und damit zu guten Porträtaufnahmen. Das Bild ist dann ein ehrliches und unvergängliches Porträt, das die wirkliche Person zeigt und kein oberflächlicher Schnappschuss ist. Unterhalten Sie sich mit dem Modell ganz allgemein über das Leben oder seine persönlichen Interessen. Auf diese Weise brechen Sie das Eis und fotografieren in guter Atmosphäre.
Gute Atmosphäre heißt aber nicht, dass die fototechnischen Aspekte weniger wichtig wären. Sie müssen ihre Bilder geschickt komponieren, beleuchten und belichten — nach einer gewissen Einarbeitungszeit passiert das mehr oder weniger automatisch und ohne großes Nachdenken. Andere Entscheidungen sind aber bewusst zu treffen: wie groß soll die Person im Bildausschnitt erscheinen, wo platziert man das Modell und soll es in die Kamera blicken oder nicht.
Beleuchtung und Location: Die Beleuchtung ist wie in allen Bereichen der Fotografie ein wichtiger Faktor. Passen Sie die Bildkonzeption dem vorhandenen Tageslicht an oder arbeiten Sie mit Blitzoder Kunstlicht. Machen Sie Ihre Entscheidungen davon abhängig, ob Sie im Studio oder draußen bzw. vor Ort fotografieren. Studios bieten die besten Einflussmöglichkeiten, wirken aber oft künstlich, es sei denn, die Szenerie im Studio ist natürlich und ehrlich.
Fotografieren vor Ort hat mehr mit der Wirklichkeit zu tun, man muss sich aber den Gegebenheiten anpassen. Zudem muss die ganze Ausrüstung dabei sein, was für sich allein genommen schon eine Herausforderung ist.
Erfolgreiche Porträtfotos: Die Aufnahme muss das Charakteristische eines Objekts bzw. einer Person einfangen, beispielsweise die Unbefangenheit eines Kindes, die Bedeutung eines Self-Made-Millionärs oder die Persönlichkeit eines bekannten Prominenten. Der Lichtaufbau muss für jedes Motiv die richtige Atmosphäre und die passenden Effekte erzeugen. Ein „Bildnis“ war vor der Erfindung der Fotografie den sehr Reichen vorbehalten. Geschickte Maler und Bildhauer waren Mangelware, ihre Arbeit war zeitaufwändig und damit teuer. Porträts sollten von jeher schmeicheln. Wir wissen nicht, wie z. B. Königin Elisabeth I. tatsächlich aussah. Möglicherweise entsprechen ihre berühmten Porträts der Wirklichkeit, doch wahrscheinlicher ist, dass wir sie heute kaum erkennen würden — zumal sie vielleicht Jeans mit T-Shirt tragen würde und keine mit Juwelen bestickte königliche Robe wie auf den Bildern.
Die Tradition des Schmeichelns und Überhöhens dauerte weit über die Erfindung der Fotografie hinaus. Denken Sie an die Bilder von Lenin. Der Stil seiner Porträts und Statuen ließ ihn weitaus heroischer als auf normalen Fotos aussehen. Heute haben wir Lenin als ikonische Darstellung in Erinnerung und nicht so, wie er wirklich aussah. Selbst wenn realistische Porträts vorhanden sind, neigen viele noch immer dazu, der Ikone den Vorzug gegenüber der natürlichen Darstellung zu geben: Denken Sie beispielsweise an die vielen Por träts von Winston Churchill und die wenigen, die immer und immer wieder in der Presse zu finden sind — auch hier wurde der ikonische Status bevorzugt, teils wegen der Qualität, teils auch nur wegen des Bekanntheitsgrades.
Porträts sind bis auf den heutigen Tag neben dem Blick in die Vergangenheit auch aktuelles Symbol für den erfolgreichen Geschäftsmann, den Familienvater, den Professor, den wohlhabenden Konsumenten oder die Sexgöttin. In diesem Sinne wirkt ein
Porträt auch losgelöst von der aufgenommenen Person. Er oder sie sind oft nur ein Werkzeug zur Illustration eines Themas, zum Verkauf eines Produkts (wie ein Flugticket oder ein bestimmtes Bier) oder eines Konzepts („American way of life“, erfolgreicher Hochschulabschluss oder die „European café society“).
Ein Porträt mag zwar einer bestimmten Person ähneln, aber eigentlich lügt die Kamera. Bei dem einen Fotografen ist das Modell entspannt und ausgelassen. Beim nächsten Fotografen ist er oder sie ernst, kalt oder abweisend. In einem weiteren Zusammenhang könnte das Bild über Persönlichkeit und Symbolcharakter hinausgehen: Wir sehen nur ein Arrangement mit Kurven, Strukturen und Linien, das in sich bereits schön ist.
Warum nehmen Fotografen Porträts auf? Bei einigen steht natürlich das Geld im Vordergrund. Doch selbst der kommerziellste Porträtfotograf muss einen Grund haben, Menschen und nicht etwas anderes zu fotografieren. Viele Fotografen wollen zudem ein Bild aufnehmen, das nicht an der Hautoberfläche stehen bleibt, sondern als psychologische Interpretation unter die Haut des Objekts geht. Auf diese Weise schließt sich der Kreis: Das Porträt unterliegt der psychologischen Interpretation sowohl des Fotografen als auch des Objekts. Fotografen können grausam, höflich, rau, fröhlich oder seriös sein. Sie fotografieren Porträts mit einer bestimmten Absicht, wobei die Beweggründe des Modells völlig anders sein können — erst im Bild trifft alles zusammen.
Porträtkameras: Erfolgreiche Porträtfotografen, die mit Film arbeiten, benutzen meist eine Mittelformat-Spiegelreflexkamera mit
einer längeren als der Standardbrennweite, also 150 und 180 mm. Diese Objektive bezeichnet man auch als Porträtobjektive. Das analoge Mittelformat steht für mehr Schärfe, für eine ausgewogenere Gradation und für geringeres Korn als der Kleinbildfilm. Mittelformatkameras sind zudem auch für spontane Aufnahmen schnell genug. Der Fotograf nimmt meist ähnliche Porträts auf und verbraucht dabei einen oder zwei Rollfilme und erhält so bis zu 30 Bilder, unter denen er die besten auswählt. Ein weiterer Grund für die Beliebtheit der Rollfilme bei Porträtfotografen sind die speziell auf Hauttöne abgestimmten Farbnegativfilme mit einem geringeren Kontrast als Standardfilme. Heute arbeiten aber immer mehr Porträtfotografen digital — häufig mit digitalen Rückteilen für die von Haus aus analogen Mittelformatkameras. Die großen Vorteile liegen im schnelleren Workflow und der sofortigen Bildkontrolle. Außerdem fallen keine Kosten für Film und Entwicklung an. Das Kleinbildformat hat in der Porträtfotografie jedoch ebenso seine Berechtigung, sowohl mit konventionellem Film als auch digital. Die typische orträtbrennweite liegt hier zwischen 85 und 135 mm, unter Berücksichtigung des digitalen Formatfaktors entsprechend weniger.
Beleuchtung für Porträts: Die erste und vielleicht wichtigste Beleuchtungsregel für die Porträtfotografie lautet, dass man den Hintergrund separat vom Objekt ausleuchtet. Auf diese Weise lässt sich der Hintergrund unabhängig vom Modell aufhellen oder abdunkeln — auch abgestuft bzw. verlaufend. Diese Technik erfordert aber einen ausreichenden Abstand des Modells zum Hintergrund: mindestens 1,5 m, idealerweise aber 2 bis 3 m.
Trotzdem überrascht es immer wieder, dass viele Fotografen ein einfaches Licht seitlich der Kamera platzieren und von der anderen Seite her mit einem Reflektor aufhellen. Mehrere Leuchten sollten nie ohne Grund eingesetzt werden — Spitzlichter auf dem Haar sind nur ein Beispiel für spezielle Beleuchtungseffekte zum Hervorheben bestimmter Details im Bild.
Ein weiterer Grund für zusätzliche Leuchten (oder mehrere Reflektoren) ist eine gleichmäßige Gesamtbeleuchtung. Eine Regel besagt, dass für Männer eher direktes Licht geeignet ist, während die Beleuchtung von Frauen und Kindern diffus und gleichmäßig sein sollte.
Gorinsky – Foto: Michael Freeman
Selbst für gestellte Porträts, bei denen ausreichend Zeit und Möglichkeiten für das Einrichten der Beleuchtung vorhanden sind, bietet das einfache Tageslicht erhebliche Vorteile.
Bei dem Porträt eines Viehzüchters im Inneren von Guyana hatte das an einem hellen tropischen Tag reflektierte Licht eine einmalige Brillanz. Normalerweise neigen Schattenbereiche bei klarem Wetter dazu, äußerst diffus und damit ziemlich flach zu sein, doch hier
in den Tropen steht die intensive Sonne meist hoch am Firmament. Deshalb sind die Schattenbereiche viel kleiner als in unseren Regionen. Grund dafür sind die senkrechten Sonnenstrahlen und die Kante des Schattens, der vom Dach des Farmgebäudes außerhalb des Bildausschnitts geworfen wird (ein kleiner Lichtfleck fällt durch einen Spalt im Dach auf den Hut in der Hand des Viehzüchters).
Zweck: Redaktionell
Kamera: Hasselblad
Objektiv: 80 mm
Film: Tri-X
Belichtung: 1⁄125 s, f/11
Licht: Vorhandenes Licht
Stichpunkte: Wenn Sie mit Farbfilm fotografieren, muss die Farbtemperatur der bläulichen Schattenbereiche geschätzt werden, es sei denn, Sie verfügen über einen Farbtemperaturmesser. Solche Überlegungen gibt es bei Schwarzweiß nicht.
Weiter Info zum Buch ‘Im richtigen Licht: Menschen’ erhalten Sie unter http://www.awl.de/9783827328489.html .


Am 4. November 2009 um 22:57 Uhr
[...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Addison-Wesley und Addison-Wesley , Marcus Hasse erwähnt. Marcus Hasse sagte: RT @AddisonWesley:So fotografieren Sie Menschen im richtigen Licht! http://bit.ly/4CDt93 [...]