pia Stillleben in der Fotografie

geschrieben am 29. Oktober 2009 von Pia Kleine Wieskamp

Stillleben, das große Genre der Bildenden Kunst wird von Almut Adler in dem Fotokurs-Buch Stillleben meisterlich fotografieren  speziell für die Digitale Fotografie umgesetzt.

Cover_StilllebenStillleben ist eher das ruhige Genre, mit “Modellen”, die Sie ohne Eile fotografieren können. Lernen Sie, Dinge des Alltags ganz neu wahrzunehmen und zu komponieren. Gestalten Sie aufregende Bilder durch Perspektivewechsel, Lichtraffinessen, Farb- und Formatexperimente. “Malen” Sie mit der Tiefenschärfe. Sehen Sie, wie “Licht sich seinen Weg bahnt”. Arbeiten Sie mit der Materie der Gegenstände. Und gönnen Sie sich zum Schluss den Spaß, nach Vorlagen alter Meister zu fotografieren.

Wie das Stillleben zu Wort kam
Darstellungen von leblosen Dingen sind in vielen Kulturen bekannt. In islamischen Ländern, in denen menschliche Abbildungen aus religiösen Gründen tabu waren, wurden besonders stilvolle und komplizierte Ornamente kreiert. Allenfalls waren noch Darstellungen von Gegenständen akzeptiert. Im mediterranen Raum tauchten ähnliche, meist dekorative Motive als Mosaiken oder Reliefs auf. Wandbilder aus Pompeji zeigen Beispiele verschieden gruppierter Anordnungen von Esswaren, Gefäßen oder anderen Gebrauchsgegenständen.

Im Englischen ist das Stillleben als „still life“ bekannt, im Französischen wird es „nature morte“ genannt und im Italienischen als „natura morta“ bezeichnet – was übersetzt „tote Natur“ bedeutet. Dieser Begriff ist in Anbetracht üppiger Blumenpracht und praller Früchte eher unpassend übersetzt.

Dinge zum Leben erwecken
Ein Stillleben bewegt sich nicht, läuft nicht fort, hält einfach nur still. Wenn es gut ist, zieht es den Betrachter in seinen Bann. Dann ist es entweder raffiniert fotografiert oder verleitet zum Schmunzeln, wurde kunstvoll arrangiert oder die Farben ziehen einen in ihren Bann. Ein Stillleben können Sie beliebig oft komponieren und ihm ein aufregendes Eigenleben schenken. Ein Stillleben ist mehr als eine fotografische Übung – ein anspruchsvolles Stillleben ist ein Resultat dieser Übungen.
Dieses Buch hilft Ihnen dabei, alltägliche Dinge neu anzuschauen. Anders sehen zu lernen bedeutet in erster Linie, anders hinzusehen und Dinge mehrmals zu betrachten – auch aus unterschiedlichen Perspektiven. Sie werden staunen, was Sie plötzlich alles entdecken! Hinsehen ist beim Fotografieren unumgänglich, doch die wahre Kunst der Fotografie liegt im Nicht-darüber-Hinwegsehen.

Der Alltag ist bunt
Das zufällige Stillleben entsteht so, wie Sie die Dinge vorfinden und entdecken, das arrangierte Stillleben gestalten Sie ganz nach Ihren Vorstellungen. Im Grunde genommen ist die Auslage eines kleinen Provinzladens das Gleiche wie das aufwendig gestaltete Schaufenster einer Großstadtmetropole – ein arrangiertes Stillleben.
Das Nicht-darüber-Hinwegsehen
Auch in diesem Buch ist es mir ein großes Anliegen, in erster Linie Ihren Blick zu schärfen und Ihre Aufmerksamkeit auf die vermeintlich uninteressanten, scheinbar langweiligen Dinge des Lebens zu lenken. Dazu bedarf es dann auch viel ‘Anschauungsmaterial’. Die Augen zu öffnen und anders sehen zu lernen bedeutet in erster Linie, seine Beobachtungsgabe zu trainieren und alle Dinge zweimal zu betrachten – auch aus unterschiedlichen Perspektiven. Sie kommen ins Staunen, was Sie plötzlich alles entdecken werden! Hinsehen ist beim Fotografieren unumgänglich, doch die wahre Kunst der Fotografie liegt im Nicht-darüber-Hinwegsehen! Die technische Umsetzung eines Fotos ist dann einfach „nur“ noch erlernbares oder gelerntes Handwerk.

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Foto – Almut Adler: Erzählen Sie mit Ihren Aufnahmen Geschichten – so wie dieser bemalte Fächer auf einem spanischen Markt.

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Foto – Almut Adler:  Geben Sie sich und anderen Bilderrätsel auf – fotografieren Sie zum Beispiel Themen wie die „Eieruhr“.

Von vielen Fotografen wird das Genre der unbewegten Gegenstände etwas belächelt oder als Sujet für Oldies abgetan. Gewisse Vorurteile gegen Stillleben resultieren aus Motiven des Alltags, die meistens als langweilig empfunden werden. Doch damit wird dem Stillleben Unrecht getan, denn das stille Genre der Fotografie ist alles andere als langweilig. Ein Stillleben ist nur so langweilig wie der Fotograf selbst. Der Reiz liegt doch gerade darin, das “Stille“ durch Ideen und Erfindungsreichtum zum Leben zu
erwecken!
Zugegeben, die Studiofotografie kommt in diesem Buch ein wenig zu kurz. Schon allein deshalb, weil die wenigsten Nichtprofis zu Hause ein Studio haben – sei es aus Geld- oder aus Platzmangel.

Zufällig arrangiert
Das Stillleben ist für mich in mehrfacher Hinsicht anspruchsvoll, denn ich kann mein Bild von A bis Z arrangieren, dekorieren, es kunstvoll ausleuchten und auch noch raffiniert fotografieren. Und ein Stillleben hält ja bekanntlich still – es läuft mir weder die Zeit noch das Motiv davon!
Ich kann es von allen Seiten betrachten und in Ruhe überlegen, wie es sich am besten darstellen lässt, weil ich ein Stillleben-Arrangement x-mal umgestalten kann. Dadurch wird Ihre Fantasie angekurbelt und es kommt Leben in Ihr Stillleben. Gut Ding will Weile haben – und Zeit steht Ihnen dabei zur Verfügung wie in keinem anderen Genre der Fotografie. In Ruhe ergeben sich die Dinge oft von ganz allein, Sie müssen einfach nur hinschauen – egal ob zufällig vorgefunden oder kunstvoll arrangiert.

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Foto – Almut Adler: Ein zufälliges Stillleben oder ein arrangiertes Stillleben? Im Grunde genommen arrangiert, denn die Plastikflaschen wurden zuvor von irgendjemandem so hingestellt. Von mir wurden die Flaschen jedoch so vorgefunden und unverändert fotografiert.

Selbstläufer
Bevor ich mich eingehend mit dem Stillleben befasse, habe ich häufig schon ein Konzept oder gar eine Serie im Kopf. Meine Vorstellungen vor dem Fotografieren sind meistens sehr konkret. Doch in dem Moment, in dem ich mich der Thematik nähere und mich auf das Motiv einlasse, kann es durchaus vorkommen, dass meine Vorstellungen aus dem Ruder laufen und in quirlige Stromschnellen der Kreativität geraten. Ich möchte Ihnen damit nur sagen, dass alles möglich ist, wenn Sie auf Motivsuche sind – auch wenn Sie bereits eine klare Vorstellung der „Dinge“ haben. Eine Motivsuche kann zum Selbstläufer werden – eine Idee eilt
Ihnen voraus, doch dann fügt sie sich völlig anders zusammen als gedacht – nur viel schöner.
Genaue Vorstellungen sind gut, aber Sie müssen auch davon loslassen können, sonst engen Sie sich zu sehr ein. Dinge beobachten, genau hinschauen, sich auf alles einlassen, was Sie umgibt – dazu müssen Sie nichts anderes tun, als sich nur sich selbst zu überlassen. Oder anders ausgedrückt – wenn Sie in sich gehen, können Sie auch aus sich herauskommen!

Den Dingen Leben einhauchen
Es bewegt sich nicht, läuft nicht fort und hält einfach nur still – das Stillleben. Wunderbare Voraussetzungen also, Darstellungen lebloser Gegenstände wie Küchenutensilien, Stühle, Musikinstrumente, Blumen, Gemüse oder Meeresfrüchte nach unseren Vorstellungen abzubilden. Im Italienischen wird das Stillleben seit dem 18. Jahrhundert als „natura morta“ bezeichnet – eigentlich nicht präzise, da es übersetzt in etwa tote/geopferte Natur bedeutet.
Ein fotografisches Stillleben zieht die Betrachter in seinen Bann, wenn es entweder raffiniert fotografiert wurde, die Thematik fesselt, zum Schmunzeln verleitet, es kunstvoll arrangiert wurde oder die Farben ansprechend sind. Das alles haben Sie als Fotograf/in selbst in der Hand. Sie können das Bild beliebig oft nach Ihren Wünschen komponieren und dem Stillleben damit ein lebendiges Eigenleben schenken.
Kreativität setzt Begeisterungsfähigkeit voraus. Ein Stillleben ist mehr als eine fotografische Pflichtübung – ein anspruchsvolles Stillleben ist eher ein Resultat der Übung.

Die Autorin:  Almut Adler studierte nach ihrer Fotografenausbildung Grafikdesign. Einige Jahre war sie als freischaffende Grafikerin tätig und absolvierte 1977 eine Zusatzausbildung als Airbrusherin. Sie unternahm viele Reisen durch Afrika, Asien, Amerika und Europa und eine einjährige Weltreise. Anfang der 80er Jahre lebte sie in Somalias Hauptstadt Mogadishu und war u.a. für die UNESCO tätig. Bis 2001 arbeitete sie als Grafikerin in Agenturen und Verlagen. 2007 lief sie den 800 km langen Jakobsweg (Camino Santiago) zu Fuß – ohne Kamera! Heute lebt Almut Adler als freie Fotografin und Autorin in München, leitet dort Fotokurse für Frauen und gibt Fotoworkshops in Spanien/Andalusien.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch: Stillleben meisterlich fotografieren -  Dinge sehen, komponieren, zum Leben erwecken von Almut Adler, ISBN: 978-3-8273-2833-5, 320 Seiten komplett 4-farbig, € 39,95 [D]

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2 Reaktionen zu “Stillleben in der Fotografie”

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