Fotoreportage – Afghanistan: Leben & Sehen
geschrieben am 21. September 2009 von Pia Kleine Wieskamp
„Sie können zwei Menschen zur selben Zeit an denselben Ort nach Afghanistan schicken und Sie bekommen
zwei unterschiedliche Geschichten und Ansichten zu hören. Hier sind meine.“
Fotoreportage: Afghanistan Leben & Sehen - Ungewöhnliche Bilder des Alltags, Widersprüche und Kontraste von Veronika Picmanova.
Ein lesens- und sehenswertes Buch mit ungewöhnlichen Bildern des Alltags, Widersprüchen und Kontrasten. Es ist ein Bericht einer Frau, die erfahren hat, was es heißt, als Frau in Afghanistan zu leben und zu arbeiten und das für mehr als zwei Jahre. Da die Autorin Veronika Picmanova eine Fotografin ist, erzählt sie ihre Geschichte und die des Landes in beeindruckenden Bildern. Außerdem gibt die Autorin dem fachlich und technisch interessierten Publikum anhand von spezifischen Beispielen wichtige Hinweise und Tipps zur Reportagefotografie.
Gespräch mit Peter Zschunke, stv. Chefredakteur The Associated Press GmbH
PZ: Veronika, was wollen Sie erreichen, wenn Sie durch den Sucher schauen?
VP: Es ist letztendlich so: Man sieht etwas, man sieht ein Bild, ich sehe es in meinem Rahmen, genau diesen Bildausschnitt, den möchte ich haben, und das passt auch so in 99,9 Prozent der Fälle. Man will auch nicht ein Foto hinterher noch fünf Stunden bearbeiten.
PZ: Sie arbeiten also auch lange am Bildausschnitt, überlegen, was da die optimale Gestaltung ist?
VP: Das geht bei der Fotoreportage gar nicht. Ich kann nicht lange überlegen, sondern die Situation ist genau jetzt da, vielleicht auch die nächsten drei Sekunden, und dann ist es vorbei. Und deswegen muss alles zack-zack gehen.
PZ: Denken Sie, dass Sie eine eigene Sprache entwickelt haben oder orientieren Sie sich unbewusst auch an Vorbildern?
VP: Meine Vorbilder, was die Reportagefotografie anbelangt, sind sämtliche Fotografen, die für Magnum arbeiten. Das ist so die Art, in der auch ich fotografiere. Ich versuche trotzdem, mein Ding durchzuziehen. Man kann sich vielleicht ein bisschen orientieren, aber letztlich hat jeder seinen eigenen Blick, und ich habe einfach meinen Blick. Man kann in einer Situation drei, vier Fotografen nebeneinander stellen, und jeder sieht diese Situation anders. Ich denke, ich habe in einer gewissen Art und Weise meinen Stil entwickelt.
PZ: Der Magnum-Stil steht ja für einen action-geladenen Fotojournalismus, ja?
VP: Auch. Und die haben ja angefangen mit Schwarz-Weiß. Die Magnum-Fotos sind für mich sehr emotional, sehr nah am Geschehen, am Menschen dran, und das ist auch meine große Leidenschaft.
PZ: Die Fotoreportage ist ja ein journalistisches Format, neben der Text- und der Filmreportage. Worin sehen Sie die besonderen Vorteile, eine Geschichte mit Bildern zu erzählen?
VP: Der Betrachter ist sofort in der Geschichte, im Geschehen mit drin. Beim Text muss ich erst lesen und eine gewisse Zeit aufbringen, um mich in eine Geschichte zu vertiefen. Wir sind alle fixiert auf Bilder. Jeder kann mit einem Bild sofort etwas anfangen. Es ist eine viel größere Unmittelbarkeit als beim Text.
PZ: Und was ist der Unterschied zur Filmreportage? Sie arbeiten ja auch im Filmbereich…
VP: Bei der Fotografie erwischt man genau diesen einen Moment, den muss ich einfach haben. Dadurch, dass es ein Standbild ist, wirkt es viel emotionaler. Ich gebe dem Betrachter mehr Zeit, sich diesem einen Augenblick zu widmen. Beim bewegten Bild geht es schon wieder weiter.
PZ: Wie wichtig ist Ihnen Ihr Arbeitsgerät?
VP: Für die Fotoreportage hat man ein sehr minimalistisches Equipment. Ich kann halt nicht viel mitnehmen, wenn ich mitten im Geschehen bin. Ich habe immer zwei Wechselobjektive dabei, vom Weitwinkel bis zum 200-mm-Tele. Damit gehe ich rein in die Situation. Und je nachdem muss man dann ganz schnell das Objektiv wechseln. Ich habe da zwei Taschen, damit sehe ich immer aus wie ein Cowboy, aber ich gewöhne mir gewisse Handgriffe an. Im Notfall muss ich nur hingreifen, und dann habe ich es. Hier habe ich dann
meine Ersatzbatterien für den Blitz und da habe ich den Akku für die Kamera. Hier habe ich das eine Wechselobjektiv und da das andere, und hier den Filter. Und das sind dann Handgriffe, die sitzen müssen. Denn die Situation ist immer jetzt und nicht fünf Sekunden später. Wenn ich nicht jetzt den Auslöser drücke, dann ist es halt vorbei. Das ist dann diese Herausforderung, dass man genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist, am besten auch noch mit dem richtigen Objektiv, und die richtige Belichtung hat.
PZ: Verstehen Sie sich eher als zurückgenommene Beobachterin oder sehen Sie manchmal auch die Notwendigkeit, die Aufnahmesituation zu gestalten?
VP: Zu 95 Prozent bin ich nur die Betrachterin. Ich lass geschehen, ich guck einfach, was machen die Leute, und das dokumentiere ich dann. Wo man etwas stellt, ist höchstens der Aufbau für ein Gruppenfoto. Wenn man irgendwo draußen ist, dann bin ich einfach nur dabei und verändere nichts. Es ist keine gefakte Fotografie. Allein was ich zeige mit dem Bildausschnitt, beeinflusst auch schon das Bild. Aber es ist nichts gestellt. Und in der Nachbearbeitung mache ich nur die technischen Sachen, etwas mehr Licht oder Kontrast.
Aber wenn ich anfange, die Bildinhalte zu verändern, brauche ich gar nicht zu fotografieren, da bin ich ja völlig fehl am Platz.
PZ: Wie sind Sie überhaupt auf Afghanistan gekommen?
VP: Mir bot sich die Gelegenheit, für die Deutsche Welle bei einem Projekt mitzumachen, die internationalen Nachrichten aufzubauen beim Staatsfernsehen.
Ich habe zuerst die Möglichkeit gehabt, drei Wochen das Land kennenzulernen und zu bereisen. Dabei sollte ich mich fragen: ‚Traust du dir das zu, kannst du das machen?‘ Von Anfang an habe ich gesagt: ‚Ja!‘ Und dann war ich einfach für ein Jahr in Kabul als Trainerin für die Techniker beim Staatsfernsehen.

PZ: … wann war das?
VP: Im Jahr 2005/2006. Man kann zwei Leute für zwei verschiedene Organisationen in ein Flugzeug nach Kabul setzen und danach befragen, sie werden zwei verschiedene Geschichten erzählen. Es hängt wirklich davon ab, welche Arbeit ich dort mache, welche Möglichkeiten habe ich, mich dort zu bewegen, wie nah komme ich an die Afghanen ran. Nach diesem Jahr als Trainerin für das Staatsfernsehen wollte ich noch eine andere Seite sehen. Da habe ich dann für die ISAF gearbeitet und Journalisten ausgebildet.
PZ: Sie haben von diesen verschiedenen Wahrnehmungen beim Blick auf Afghanistan gesprochen. Wie haben die Menschen Sie in der Militärweste wahrgenommen? Und gab es Situationen, in denen die Zusammenarbeit mit den ISAF-Truppen Ihre Arbeit erschwert hat?
VP: Das kann ich schwer beurteilen, weil man nicht in die Köpfe hineinblicken kann. Ich wurde jedes Mal sehr, sehr herzlich aufgenommen. Wenn man mit dem Militär unterwegs ist, sollte man diese Weste tragen, schon aus Gründen der Sicherheit. Wenn man als Zivilist mit der ISAF unterwegs ist, ist man eher ein potenzielles Ziel, als wenn ich ganz normal unter den Afghanen bin. Ich habe sie im Gebäude immer ausgezogen, weil man dann doch näher an die Menschen herangekommen ist. Man hat nicht viele Vorteile als Frau in Afghanistan, auch als ausländische Frau nicht. Aber wenn es einen gibt, dann wenigstens, dass man sich ganz normal mit den Frauen unterhalten kann, sie berühren kann, einfach einen ganz anderen Zugang hat, als ihn ein Mann jemals haben könnte.
PZ: Die Stellung der Frau ist ja immer ein wichtiges Thema der gesellschaftlichen Debatte in Afghanistan. Haben Sie sich mit Ihrer Arbeit einen eigenen Zugang dazu erschlossen?
VP: Ich kam als Frau ins Land, und da war das erste Thema Frauen und Technik. Das zweite war dann: ‚Die bringt jetzt auch unseren Frauen etwas bei.‘ Es war einfach mal ein neues Bild, und nicht nur von Seiten der Frauen, sondern auch der Männer, dass man zeigen kann: Hey, es ist völlig normal, dass eine Frau in den Medien arbeiten kann. Das ist bis heute noch wahnsinnig schwierig. Es gibt immer noch sehr wenig Journalistinnen, weil es einfach zu gefährlich ist für Frauen, in den Medien zu arbeiten. Was ich sehr schön fand, das wurde mir erst im Nachhinein gesagt, ist, dass man als Vorbild gilt bei den Afghanen, natürlich bei denen, die auch etwas offener sind.
PZ: Es gibt auf beiden Seiten tiefe Gräben der kulturellen Wahrnehmung. Denken Sie, dass Sie mit Ihrer Arbeit vor Ort wie mit Ihrem Bildband diese Gräben ein wenig überbrücken können?
VP: Ich denke schon. Möglich war das vor allem deswegen, weil ich über einen längeren Zeitraum hinweg dort bleiben konnte.
PZ: Ihre Porträts von den Menschen in Afghanistan strahlen oft intensive Gefühle aus. Denken Sie, dass die Menschen in Afghanistan noch emotionaler sein können als wir Europäer?
VP: Das kann ich schlecht verallgemeinern. Es gibt in Afghanistan wie in Europa Menschen, die offener sind als andere. Nur, in Afghanistan sind die Menschen wahnsinnig herzlich, das kann man sich gar nicht vorstellen. Sie haben teilweise überhaupt nichts und sind so was von gastfreundlich, das ist schwer in Worte zu fassen. Was mich immer beeindruckt hat, ist, dass die Afghanen trotz aller Miseren ihr ganz normales Leben führen. Sie lassen sich nicht unterkriegen. Immer wieder diese Kraft! Wir heulen hier schon, wenn der Stöckelschuh abbricht. In Afghanistan finden die Menschen immer wieder neue Kraft und Fröhlichkeit.
PZ: Haben Sie da auch etwas mitgenommen für Ihr Leben hier?
VP: Oh, sehr viel. Man kommt zurück nach Deutschland und denkt, was habt ihr denn hier für Probleme? Man darf natürlich nicht alles 1:1 übertragen. Was ich für mich mitgenommen habe, ist eine größere Gelassenheit.
PZ: Denken Sie, dass Ihre Bilder das auch dem Betrachter vermitteln?
VP: Ja. Ich gehe mit dem Thema Afghanistan lockerer um als die Politiker, weil ich da zweieinhalb Jahre gelebt und gearbeitet habe. Man lebt ein bisschen mehr in den Tag hinein. Es gibt eben auch noch etwas anderes als Krieg, Taliban und Terror. Die Menschen haben ein ganz normales Alltagsleben. Diese Lockerheit, die habe ich einfach übernommen. Und das kommt auch in den Bildern zum Ausdruck.
PZ: Hat Ihre Beziehung zu Afghanistan eine Zukunft oder was sind Ihre nächsten Projekte?
VP: Damit es bei dem Ausbildungsprojekt der Deutschen Welle eine Nachhaltigkeit gibt, besteht der Plan, Ende des Jahres für einen Monat oder zwei nach Afghanistan zu reisen und zu überprüfen, ob weitere Hilfen notwendig sind. Außerdem suche ich wieder neue Länder, vielleicht Libanon oder Syrien. Nach zweieinhalb Jahren Afghanistan möchte ich auch wieder etwas Neues sehen. Afghanistan bleibe ich aber immer verbunden und werde auch mal wieder hinfahren, wenn es geht.
Am 16. Dezember 2009 um 22:18 Uhr
[...] Ein Interview mit der Autorin sowie Eindrücke der Fotos finden Sie auch auf http://blog.addison-wesley.de/archives/5751. [...]