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Joe McNally: So haben Sie Ihre Kamera im Griff

geschrieben am 9. September 2009 von Pia Kleine Wieskamp

Joe McNally schreibt in seinem Buch ”Hot Shoe Diaries“:

Hot_Shoe-Cover

“JEDER, DER MICH KENNT, weiß, dass ich ziemlich am Rad drehe, wenn es darum geht, die Kamera still zu halten. Und ich habe da eine Methode. Meine Idee war es leider nicht – vor Jahren bekam ich sie von einem richtig guten Pressefotografen, Keith Torrie, der für die New York Daily News arbeitet, gezeigt.

Ein Grund, warum diese Methode bei mir funktioniert, ist, dass ich komischerweise linksäugig bin. Rechtshänder, aber linksäugig. Keine Ahnung wieso.

Seitdem ich eine Kamera halten kann, halte ich sie vors linke Auge. Damals ahnte ich noch nicht, dass dies bei  motorgetriebenen Profikameras zu einem Vorteil werden würde. Der breitere Boden des Motors lässt sich ideal rechts zwischen Schulter und Schlüsselbein drücken. Dort sind weder Puls noch Herzschlag zu spüren, die Lunge hebt diesen Bereich beim Atmen auch nicht an.

Eine ideale Ablage für die Kamera, wenn Sie die Schulter nur leicht nach innen drehen. Wieder müssen Sie mit der Kamera eins werden. Ihr Körper umfasst die Kamera, während Ihr Kopf und Ihre Hände sie steuern.

Hier sehen Sie mich, ich demonstriere das mal, damit Sie es verstehen. ‘Tschuldigung. Ich zeige Ihnen hier die klassische Stellung, wie  Sie Kamera und Objektiv nicht halten dürfen. Sehen Sie, dass ich mich nach vorn beuge? Wo ist mein Schwerpunkt? Irgendwo vor meiner Nase … In dieser Position, mit diesem Griff, werden Sie nie konstant scharfe Fotos hinkriegen oder Kamerabewegungen vermeiden. Vor allem motorgetriebene Kameras sind nicht ganz leicht.

Versuchen Sie als Test einmal, diese Position mit der Kamera in der Hand einzunehmen und eine Weile so zu bleiben. Also länger als eine Minute. Die Kamera wird echt schwer, stimmt’s? Ihre Arme werden müde. Diese Art, die Kamera zu halten, sorgt dafür, dass die Zeit am Set lang wird. Nicht nur, dass Ihre Fotos nicht gelingen, Sie werden – so einfach ist das – richtig breit sein.

Hin und wieder fluchen Leute bei unscharfen Fotos auf den Autofokus der Kamera. Meist ist die Kamera aber völlig unschuldig. Eher ist es eine Frage des sicheren und ruhigen Standpunkts. Die guten alten Verwackelungen, das Rütteln und Rollen. Die bringen Ihre Bilder um. Probieren Sie darum Folgendes:

»Du musst die Kamera sein, Grashüpfer! Ernsthaft!«

Wo ist mein Gewicht? Über meinen Beinen, den stärksten und längsten Muskeln im ganzen Körper. Und die Kamera? Genauso gerade über dem Schwerpunkt. Wo ist mein Ellenbogen des Unterstützungsarms (links)? Ganz fest an meinen Bauch gedrückt. Ganz einfach, so stützt mein Körper die Kamera. Du musst die Kamera sein, Grashüpfer!

Joe McNally: »Du musst die Kamera sein, Grashüpfer! Ernsthaft!«

Joe McNally in Grashüpferstellung

Ernsthaft! Ihr Körper muss sich mit der Kamera verbinden und dieses mechanische Gebilde aus Glas, Metall und Plastik muss zur Erweiterung des physischen Selbst werden, genau wie die Bilder eine Erweiterung Ihres Kopfes, Ihres Herzens und Ihrer Vorstellungskraft sind.
Natürlich gibt es mittlerweile jede Menge Technologien, um Ihre Vorstellungen und Gefühle in Pixel zu verwandeln. Die Kameras tun heute fast alles für Sie, vielleicht außer Kaffee kochen. Früher musste man sich viel mehr um Kamera und Objektiv kümmern. Zum Beispiel manuell fokussieren und die Blende von Hand einstellen. Die Belichtung wurde extern gemessen, denn der Belichtungsmesser
in der Kamera taugte nichts. Also stellte man auch die Verschlusszeit von Hand ein. Jetzt fällt das alles weg, diese ganzen Fingerübungen
sind also verschwunden. Eigentlich brauchen Sie die zweite Hand gar nicht mehr (zumindest nicht immer), um die Kamera manuell zu bedienen. Setzen Sie sie doch einmal so ein …!

»Greifen Sie die Kamera und halten Sie sie fest.«

Drücken Sie dann den Auslöser mit dem Finger. Nicht drauf hauen! Nur ganz leicht, wie Sie es bei den Scharfschützen gelernt haben. Ausatmen und abdrücken. Denken Sie auch daran, dass die erste Aufnahme, bei der Sie noch auf den Auslöser einprügeln, weil Sie so aufgeregt sind, die unschärfste wird. Ungefähr beim vierten Foto haben Sie es dann raus und streicheln den Auslöser ganz fein, Sie haben sich ja jetzt gesammelt – diese Aufnahmen werden meist die schärfsten.
Gegen die umgehende Angst vor langen Verschlusszeiten gaben uns die Fotogötter High-Speed-Blitze. Bei einem der Blitze richten sich Jupiter und Mars aus und das Foto wird schärfer.
Und falls Sie mit Ihrer linken Hand nicht die rechte festhalten wollen … wie im Foto unten sollte Sie sie auf keinen Fall halten!
Versuchen Sie, das Objektiv nicht von oben zu greifen. Die Fokus- oder Zoomhand sollte immer unter dem Objektiv liegen, nie oben drauf. So stützen Sie das Objektiv nämlich nicht, sondern machen es nur schwerer und erhöhen so die Chancen auf Verwackelungen. Ihre Hand sollte fest unter dem Objektiv liegen und dessen Gewicht stützen, ungefähr … so!

Joe McNally: The Hot Shoe Diaries

Joe McNally: The Hot Soe Diaries"

Sie lesen das und denken: »Klar, Du Nase, ich wickle mich natürlich gern um die Kamera wie eine Brezel, hole mir bei Buddha die Ruhe für Körper, Seele und Geist und kann so bei 1/15 s oder weniger fotografieren, alles kein Problem. Aber wenn ich noch einen Blitz halten muss?«
Assistenten sind eine praktische Einrichtung, sie sind aber nicht immer dabei. In dieser Zeit der knappen Kassen, von Weniger-ist-mehr und Geiz-ist-geil sind immer mehr Fotografen allein unterwegs. Das heißt, Sie müssen Ihren ganzen Kram selbst festhalten, vor allem wenn Sie sich auch noch bewegen und journalistisch arbeiten, also keine Zeit haben, ein Studio nach Ihrem Bedarf und Geschmack einzurichten.
Keine Probleme, wenn der Blitz auf dem Hot Shoe (Blitzschuh) steckt. Die Kamera ist dann immer noch eine Einheit. Aber was, wenn Sie den Blitz aus einer anderen Richtung haben wollen, ihn vom Blitzschuh nehmen und irgendwohin halten – auf die Seite, unten, oben, eben nur nicht genau über das Objektiv? Sie müssen ihn halten. In der linken Hand, denn alle Kameras haben die Grifffläche
rechts. Nun haben Sie den Blitz in der linken Hand, die schwere Digitalkamera in der rechten und für beide keine Unterstützung, wie es aussieht. Sie kommen sich vor wie ein einarmiger Geiger. So wenig Hände, so viel zu tun.

Halten Sie den Blitz fest. Aber kehren Sie nicht in die traditionelle Stellung zurück, in der der linke Arm ausgestreckt ist und Sie aussehen, als wüssten Sie eine Antwort und melden sich die ganze Zeit in der Schule. Schwingen Sie den Arm stattdessen auf die andere Seite, damit wird die linke Schulter zur Ablage für die Kamera. Auf der anderen Seite Ihres Körpers kann die linke Hand den Blitz immer noch nach oben, unten oder seitwärts drehen. Der rechte Griff an der Kamera wird von der linken Schulter gestützt. Die Kamera bleibt am Auge und Sie können mit externem Blitz flüssig und stabil fotografieren.

Falls Sie rechtsäugig sind, tut es mir Leid für Sie. So wird das nichts.
Quatsch. Natürlich können Sie einige Elemente einsetzen, bei denen es keine Rolle spielt, ob Ihr linkes oder rechtes Auge führt. Oder ob Sie ein Zyklop sind. Wichtig ist, dass Sie bequem und sicher um die Kamera stehen. Greifen Sie kraftvoll zu, denn sie ist eine eindrucksvolle Maschine, greifen Sie nicht vorsichtig oder zaghaft zu wie bei einem Fabergé-Ei.

Dies ist ein hartes Geschäft. Greifen Sie die Kamera und halten Sie sie fest.”

Weitere Info erhalten Sie auf der Buchseite “Joe McNallys Hot Shoe Diaries“.

5 Reaktionen zu “Joe McNally: So haben Sie Ihre Kamera im Griff”

  1. Joe McNally: So haben Sie Ihre Kamera im Griff | :::Media-Digest

    [...] Einen Auszug aus dem neuen Buch von Joe McNally -Hot Shoe Diaries- gibt es bei Addison-Wesley nachzu… [...]

  2. Addison-Wesley-Blog » Blog Archiv » Photokina-Highlights 2010: Joe McNally

    [...] Jetzt fragt sich mancher Leser: “Warum Thor”? Ganz einfach, denn Thor – oder auch Donar genannt - ist in der germanischen Mythologie „der Donnerer“ (Nomina Agentis). Thor/Donar  fungierte für die zur See fahrenden Völker als wichtiger “Gewitter- und Wettergott” … Und natürlich ist dort, wo es donnert, auch der Blitz nicht weit! Und Joe McNally ist der amtierende Profi in Sachen “Fotografie mit Blitz” – siehe auch diesen Beitrag. [...]

  3. fotografen-welt

    Joe McNally ist ein toller Lehrmeister. Ganz im ernst, alle Bücher von ihm sind wirklich zu empfehlen. Die richtige Kamerahaltung und auch Atmung sind extrem wichtig. So viele Fotografen zählen Pixel und lesen jeden Testbericht von neuen Objektiven, dabei sind die grundlegenden Dinge die größten Fehler die immer wieder gemacht werden. Unschärfe wird überwiegend noch immer durch lange Verschlußzeiten in Verbindung mit falscher Kamerahaltung erzeugt. Nicht umsonst gibt es bei einer Hasselblad nur die Spielvorauslösung – haltet das Ding einfach ruhig!!!! Gruß aus Köln ,dirk

  4. pia

    Ja, Joe ist ein hervorragender Trainer und ein Meister seines Faches. Pia

  5. Neongrau Fotografie Münster

    Joe McNally ist wirklich ein Meister seines Faches. Seine Bücher “Guide of Ditital Photography” und “Sketching Lights” fand ich damals wirklich sehr hilfreich & kann es mit gutem Gewissen jedem Fotobegeisterten weiterempfehlen. Beste Grüße aus Münster, Maurice

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