Social Media-Expertenrunde: Ulrike Langer
geschrieben am 9. September 2010 von Pia Kleine Wieskamp
In dieser Interviewreihe “Social Media-Expertenrunde” spreche ich mit Social Media-Praktikern sowie -Influencern über ihre Erfahrungen, Praxistipps, Meinungen und Visionen. Heute wird die Runde mit Ulrike Langer fortgesetzt:
Ulrike Langer kurz vorgestellt:
Ulrike Langer, auch als @mauisurfer25 bekannt, arbeitet als freie Medienjournalistin in Köln und hat sich vor allem auf Themen rund um den digitalen Medien- und Journalismuswandel spezialisiert. Sie betreibt das Medienfachblog medialdigital.de.
AW: Ulrike, man bezeichnet Sie als Social-Media-Expertin – würden Sie sich selbst auch so bezeichnen?
UL: Nein, ich bin in erster Linie Fachjournalistin und Fachbloggerin. Ich beschäftige mich mit dem digitalen Medienwandel und dessen Einfluss auf Journalismus, Medienwirtschaft und Marketing. Allerdings halte ich auch Vorträge, moderiere und diskutiere auf Podien und gebe Seminare zum Einsatz von Social Media in Journalismus und Öffentlichkeitsarbeit. Diesen letzten Bereich könnte man wohl am ehesten als “Social-Media-Expertin” bezeichnen. Allerdings stört mich erstens das Beliebige daran – Social Media ist ein viel zu weites Feld, als dass man Experte für alle Facetten sein könnte. Außerdem will ich nicht mit all den marktschreierischen “Social-Media-Experten” bei Twitter in einen Topf geworfen werden. Ich lasse lieber Fakten und Weiterempfehlungen für mich sprechen.
AW: Ulrike, was ist Ihr Ziel beim Einsatz von Social Media und wie hat es Ihr Leben und Ihren Job beeinflusst?
UL: Mein Ziel ist es, unabhängig von Verlagen als Auftraggebern zu werden. Zwar arbeite ich mit manchen Verlagen hervorragend zusammen, und das soll auch so bleiben. Aber ich denke unternehmerisch und mache mich von niemandem abhängig. Für Tageszeitungen schreibe ich gar nicht mehr. Früher dachte ich, das sei trotz der mickrigen Zeilenhonorare wichtig, um auch außerhalb enger Fachkreisen wahrgenommen zu werden, aber diese Funktion hat das Bloggen und Twittern übernommen. Ich bekomme dank meiner Präsenz im sozialen Netz lukrativere Aufträge als früher. Und mein Selbstverständnis als Journalistin ist ein anderes – ich sehe mich heute als Unternehmer-Journalistin, ich bin selbstbewusster geworden und ich habe bessere Voraussetzungen als früher meine Zukunft selbst zu gestalten.
AW: Sie nutzen in Ihrer Firma Social Media-Tools; erzählen Sie davon.
UL: Ich bin freie Journalistin und solo-selbstständig. Social Media ist für mich einerseits ein Weg, um ohne teure Marketingmaßnahmen auf dem freien Markt präsent zu sein, Kontakte zu knüpfen und Aufträge zu akquirieren. Andererseits ersetzen Twitter, Facebook und Blogs für mich auch den Flurfunk. Alleine arbeiten im heimischen Dachbüro – das macht immer noch den größten Teil meiner Arbeitszeit aus – und es ist keine einsame Sache mehr. Und drittens ist Social Media mein persönlicher Nachrichtenfilter.
AW: Was verstehen Sie unter dem Oberbegriff „Social Media“?
UL: Soziale Medien beinhalten neben dem Element Information auch Kommunikation. Der Rückkanal, das Gespräch über eine Information oder einen Beitrag gehören unabdingbar dazu. Außerdem sind soziale Medien weitestgehend voraussetzungslos für jeden aktiv nutzbar. Jeder kann zum Medienproduzenten werden. Um über Twitter, YouTube oder Facebook Texte oder Videos zu verbreiten, oder zu kommentieren, braucht man nur einen Laptop oder ein Smartphone und eine Internetverbindung – aber keine teuren Druckmaschinen oder Rundfunklizenzen mehr.
AW: Haben Sie bzw. Ihre Firma ein spezielles Motto?
UL: In Journalismus und Medienwirtschaft zu arbeiten war noch nie so vielfältig und spannend wie heute. Ich sehe Chancen, wo viele meiner Kollegen Risiken und bedrohliche Szenarien sehen.
AW: Welche Tools nutzen Sie und worin sehen Sie die Zukunft?
UL: Mein Hauptinstrument der unmittelbaren Kommunikation ist Twitter. Tweetdeck ist bei mir den ganzen Tag lang geöffnet. Facebook benutze ich weniger intensiv, manches andere wie Foursquare, dopplr oder Posterous probiere ich aus, aber es bleibt mir eher fremd. Trotzdem muss ich wissen, wofür der Nutzen für andere bestehen könnte. Als Bloggerin verfolge ich natürlich intensiv andere Blogs aus meinem Themenbereich und solche, die mich ganz persönlich interessieren. Rund 300 Blogs scanne ich für meine wöchentliche Blogkolumne “Linktipps zum Wochenstart”. Zusätzlich nutze ich Aggregatoren wie Rivva, Wired Journalists und eMedia Vitals – sonst käme ich zu nichts anderem mehr.
AW: Viele Leute haben ein Aha-Erlebnis im Social Web – gab es das bei Ihnen auch?
UL: Eindeutig. Ich wollte seit Jahren mit dem Bloggen beginnen – nach dem Vorbild von Stefan Niggemeier, der es mit Bildblog und Stefanniggemeier.de geschafft hat, sich als unabhängige journalistische Marke zu inszenieren. Ich habe das Projekt Blogstart allerdings immer wieder aufgeschoben, wegen des befürchteten hohen Zeitaufwandes (tatsächlich ist der Zeitaufwand noch viel höher). Am 27. November 2008 hatte ich den Sevenload-Sprecher Mike Schnoor am Telefon und wir unterhielten uns zufällig über das Bloggen. Er meinte: “Hast Du eine Themenidee und zwei Stunden Zeit? Dann fang doch jetzt an.” Das habe ich getan, und es war die Initialzündung für einen seitdem für mich völlig revolutionierten Berufsalltag.
AW: Was sind denn Ihre wichtigsten Erfolgsfaktoren im Social Web?
UL: Nutzwert bieten, Scoutfunktionen für Trends und Tipps übernehmen, hilfsbereit sein, freundlich bleiben, andere nicht zuspammen.
AW: Welche Tipps geben Sie Unternehmen im Umgang mit Social Media?
UL: Vor allem diesen: Schauen Sie sich meine Präsentationsfolien an, die ich auf meinem Blog kostenlos bereitstelle. Und wenn Sie meinen, ich könnte Ihnen im Detail persönlich vor Ort mit Anregungen weiterhelfen, dann nehmen Sie Kontakt mit mir auf.
AW: Zukunftsmusik: Wohin entwickelt sich Ihrer Meinung nach das Internet?
UL: Die meisten Menschen werden nicht mehr “ins Internet gehen”, das Netz wird immer dabei sein, auf dem Handy oder auf dem iPad, in immer dichter werdenden WLAN-Netzen (das ist natürlich meine Perspektive als Großstadtmensch). Und das Internet verbindet sich dank Augmented Reality immer mehr mit den Dingen. Für viele Menschen wird es bald völlig normal sein, die Umgebung durch ihr Handy zu betrachten, um auf dem Display ortsbezogene Informationen angezeigt zu bekommen. Zum Beispiel: Wo ist hier die nächste Pizzeria? Wie sieht die aus? Lohnt es sich dafür, zwei Straßen weiter zu laufen?
AW: Ulrike, treffen Sie Ihre Social Media Kontakte auch im realen Leben?
UL: Die meisten kenne ich nur aus dem Netz, immer häufiger trifft man sich dann aber auch auf Kongressen. Das schönste Erlebnis war im vergangenen Dezember. Ich war für zwei Tage in München und habe ein Treffen beim Italiener mit einem Dutzend meiner Münchner Twitterkontakte angeregt. Bis auf einen hatte ich die alle noch nie zuvor persönlich getroffen. Aber an dem Abend war es so, als würde ich alle schon ewig kennen, es war eine sehr vertraute Atmosphäre. Soviel zu dem häufig geäußerten Argument von Skeptikern, Social-Media sei nur eine Scheinwelt, die vom echten Leben ablenkt.
AW: Danke für das Gespräch. Und vielleicht treffen wir uns ja auf dem Kölner Twittwoch #twk am 22.9.2010 auf der Photokina (Halle 5.1).