Das nächste Photoshop: Offiziöse Details von Adobe

geschrieben am 21. Juli 2008 von unserem Experten Mike Schelhorn

Alle 18 bis 24 Monate darf man mit einer neuen Photoshop-Version rechnen. Nachdem Photoshop CS3 (wie auch andere Programme der Creative Suite) im April 2007 erschien, naht nun langsam das Erscheinungsdatum der nächsten Photoshop-Version. Gemäß dem 18-bis-24-Schema ist also frühestens ab Oktober 2008 damit zu rechnen. Hochoffiziell gibt es dazu noch keine Verlautbarungen, noch nicht einmal der Begriff „CS4“ wird in Zusammenhang mit Photoshop von Adobe in den Mund genommen. Andere Programme der Creative Suite, die als Beta-Vorversion bereits verfügbar sind, operieren hingegen mit diesem Begriff. Wie auch immer, ich komme in diesem Blog-Beitrag Adobe entgegen und nenne die nächste Photoshop-Version kurz TNPS (The Next Photoshop). Folgend habe ich einige von Adobe selber veröffentlichte Informationen zu TNPS zusammengestellt, die zusammen bereits ein rundes Bild wichtiger Photoshop-Neuerungen formen.

Programmoberfläche
Wer den Blog von Adobe-Mitarbeiter John Nack aufmerksam verfolgt hat, konnte sich bereits ein Bild über die neue GUI-Philosophie von TNPS machen. Besonders Mac-Anwender dürfen sich wohl auf ein anderes Erscheinungsbild einstellen.

application frame

Ein vereinheitlichtes Programmfenster („application frame“) enthält ein oder mehrere Bilddokumente, am oberen Rand Navigations- und Darstellungsfunktionen, die Paletten des jeweiligen Arbeitsbereiches und die Werkzeugpalette. Oldschool-Macianer dürfen laut John Nack aber auch zur gewohnten Oberfläche mit eigenen Dokumentfenstern und floating palettes zurückkehren. Und drittens ist auch der Hybrid-Weg möglich, bei dem gleichzeitig Dokumente im application frame gehalten werden und andere in eigenen Dokumentfenstern auftauchen.

application frame und Dokumentfenster

Den Bildschirmfotos und dem Demo-Video von John Nack lassen sich auch weitere Details entnehmen (betrachten Sie dazu im Video die Position 00:48):

  • in der Werkzeugpalette finden sich neue Werkzeuge zum Drehen und Sichten von 3D-Objekten (wahrscheinlich nur in der Extended-Version von TNPS)
  • 3D-Funktionen werden in einem neuen Hauptmenüeintrag bereitgestellt (wahrscheinlich nur in der Extended-Version von TNPS)
  • im Kopf des application frame findet sich neben Hand- und Zoom-Werkzeug ein drittes, mit dem man die Ansicht rotieren kann (nicht die Bilddatei selber)
  • Ebenenmasken und Einstellungsebenen bekommen eigene Paletten zur Regelung
  • das Notizwerkzeug bekommt eine Palette

3D und GPU-Beschleunigung
Dass den 3D-Funktionen in TNPS Extended (X) ein eigenes Menü gewidmet wird, zeigt, wie stark Adobe Photoshop aus der 2D-Ecke holt. Eine praktische fotografische Anwendung demonstrierte John Nack auf einem Finanzanalysten-Treffen: Aus mehr als 50 Einzelbildern erzeugte er mit TNPS X ein vollsphärisches Panorama (auch das ist übrigens neu) und wandelte es in ein 3D-Modell um. Direkt in TNPS X kann anschließend im Panorama navigiert werden. An einer anderen Stelle der Präsentation merkt John Nack während der Navigation in einem 650-Megapixel-Bild an, dass TNPS von einer Grafikbeschleunigung durch GPUs profitieren wird. (Photoshop CS3 macht zur Filterbeschleunigung bereits eingeschränkt davon Gebrauch.) Wer sich die Präsentation anschauen will, sollte zur 18ten Minute springen – ab da wird es Photoshop-spezifisch.

Dateiformate
Mit einem neuen Dateiformat, nämlich einem hauseigenen, darf mit Sicherheit gerechnet werden. Adobe arbeitet mit Hochdruck an seiner Flex
-Architektur auf Open-Source-Basis und hat gerade erst Gumbo, den Nachfolger von Flex 3, vorgestellt. Beinhaltet ist das neue Dateiformat .fxg, ein vektororientiertes Format, das sich direkt in Flash abspielen lässt. Unterstützt wird es bereits von einigen Bestandteilen der Creative Suite, die zur Zeit als öffentliche Beta erhältlich sind. .fxg wird mit hoher Wahrscheinlichkeit als Format für Illustrator und Photoshop verfügbar sein.
Google-Earth-Anwender dürften ebenfalls bedacht werden: Mit einem Photoshop-CS3-Plug-in für Google 3D Warehouse ist Adobe bereits aufgetreten, TNPSX dürfte diese Dateiformatunterstützung integriert haben.

RAW-Unterstützung
Auch für das nächste Camera-Raw-Plugin (der Versionsnummerierung nach müsste dies Version 5.x sein) zeichnet sich bereits ab, womit zu rechnen ist. Bislang hat Adobe noch immer die Entwicklungsparameter von Camera Raw und der Fotoworkflow-Software Adobe Lightroom auf gleichem Stand gehalten, damit sich Raw-Einstellungen zwischen Photoshop/Camera Raw und Lightroom austauschen lassen. Die öffentliche Beta von Lightroom 2 zeigt als wichtigste Neuerungen die lokale Korrektur über ein Pinselwerkzeug, mit dem sich Bildbereiche gezielt nach Kriterien wie Belichtung oder Schärfe behandeln lassen – das ist auch für Camera Raw 5.x zu erwarten.

64 Bit
Hinlänglich bekannt ist auch, dass TNPS für Windows 64-Bit-Computing unterstützt, TNPS für Mac jedoch noch nicht. Grund: Photoshop für Mac OS X ist auf Basis der Carbon-Technik von Apple entwickelt, deren geplante 64-Bit-Version Apple letztes Jahr jedoch eingestellt hat, was jetzt für 64-Bit-Applikationen Apples neuere Entwicklungsumgebung Cocoa nötig macht. Lightroom 2 kann am Mac als 64-Bit-Version eingesetzt werden, TNPS jedoch nicht. Zuviele Zeilen Programmcode wären zu überarbeiten. 64 Bit macht Photoshop-Berechnungen übrigens nicht doppelt so schnell, bringt aber enorme Zuwächse bei der Arbeitsspeicheradressierung und damit schnellere Bilddarstellungen.

Was wohl nicht kommt
Seit der Siggraph 2007 und seit bekannt wurde, dass Shai Avidan bei Adobe angeheuert hat, steht die von ihm entwickelte kontextsensitive Bildskalierung auf einen Top-Platz der vermutlich neuen Photoshop-Funktionen. Meiner Meinung nach wird TNPS nicht mit dieser Funktion aufwarten. Zum einen arbeitet Avidan nicht direkt im Photoshop-Entwicklungsteam, sondern in den Advanced Technologies Labs. Zweitens ist diese Technologie noch sehr zeitaufwendig; die benötigten Rechenzeiten sind nur für kleine Bildgrößen vertretbar. Versuche anderer Softwarefirmen wie beispielsweise onOne Software zu diesem Thema wurden wieder eingestellt. Vielleicht sehen wir diese Funktion in einer späteren Version. Bei Aseem Agarwala, heute Senior Research Scientist bei Adobe, hat es schließlich auch länger gebraucht, bis seine 2004 vorgestellte Ebenenüberblendung in der Photomerge-Funktion von Photoshop CS3 und Elements 6 Einzug hielt. Er hat übrigens wieder eine spannende neue Entwicklung vorstellungsreif, bei der Bewegungsunschärfe aus Bildern entfernt wird. Neben der kontextsensitiven Bildskalierung kommt auch dies auf meine Wunschliste für TNPSBO (The Next Photoshop But One, das übernächste Photoshop) …

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